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Mittwoch, 13. Dezember 2017

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The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
The Guardian
  1. Porträt | „Die letzten fünf Jahre waren ein Desaster“
    Mary J. Blige hat ihre Liebe verloren und singt häufig über Schmerz. Nun beeindruckt sie als Schauspielerin – in einem neuen Netflix-Film über Rassismus

    Bei einem Auftritt auf der Pyramiden-Bühne in Glastonbury glänzte Mary J. Blige 2015 mit einer leidenschaftlichen Performance. Die Menge betrachtete sie gebannt durch den starken Regen, und als ihr bekanntester Single-Hit No More Drama zum Ende kam, sank sie zu Boden und wirkte, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen. „Ich wusste nicht, dass so viele Leute meine Lieder kennen“, sagte sie zwei Jahre später bei einem Abendessen in einem Londoner Hotel. „Es hat mich emotional sehr berührt, aus so vielen Gründen, die ich gar nicht alle erklären kann. Aber das Leben bringt sie gerade zum Vorschein.“

    Bliges Leben ist turbulent. Gerade mit dem Flugzeug aus den USA eingetroffen, braucht sie dringend etwas Frittiertes zum Essen. So sitzt die Königin des Hip-Hop-Soul schließlich da, pickt in Fisch und Pommes herum und trinkt eine Tasse Tee. Sie wirkt müde. Das Thema ihrer gescheiterten Ehe mit Kendu Isaacs lässt sie nicht los. Nach zwölf Jahren hatte sie 2016 die Scheidung eingereicht – wegen unüberbrückbarer Differenzen. Er war auch ihr Manager. Auch wenn sie selbst immer wieder darauf zurückkommt, will Blige nicht, dass dieses Interview nur „diese eine Sache zum Thema hat“. Die vergangenen fünf Jahre waren hart, aber am Horizont zeichnet sich Licht ab. „Dieses Kapitel meines Lebens ist vorbei“, betont sie.

    Die vorherigen Kapitel waren, vorsichtig formuliert, ebenfalls ereignisreich. Blige wuchs in armen Verhältnissen in der Stadt Yonkers vor den Toren New Yorks auf. Bereits als Teenager kam sie in den 1980ern bei Uptown Records unter Vertrag. Das Label war durch die Aufnahme eines Anita-Baker-Songs, den Blige in einem Einkaufszentrum gesungen hatte, auf sie aufmerksam geworden. Zunächst war sie Backgroundsängerin, aber das änderte sich mit ihrem 1992 veröffentlichten Debüt-Album What’s the 411?, produziert von Puff Daddy.

    Das Album gewann mehrere Awards und erreichte mit mehr als drei Millionen verkauften Kopien dreifach Platin. Mary J. Blige arbeitete mit George Michael, U2 und Elton John zusammen, der sie „eine der besten Stimmen, die Sie je hören werden“ nannte. Ihre Musik war oft rau und zeugte vom Leid, das sie in ungesunden Beziehungen erlebte, Alkohol- und Drogenprobleme kamen dazu. Als sie 2001 ihren Hit No More Drama herausbrachte, war es, als wollte sie endlich einen Strich unter all diesen Schmerz ziehen.

    Aber Blige ist nicht in London, um ein neues Album zu promoten, auch wenn sie im April mit Strength of a Woman eine ihrer besten Aufnahmen seit Jahren veröffentlicht hat. Kurz vor dem Ende ihrer Ehe zog sie nach Los Angeles, um sich ernsthafter mit der Schauspielerei zu beschäftigen. Schon vorher unternahm sie Ausflüge in das Metier, spielte kleine Parts und Gastrollen hier und da, meist in Komödien. Aber heute sitzt sie hier, um über ihre Rolle im neuen Netflix-Film zu sprechen. Mudbound erzählt eine bewegende Geschichte von Rassismus und Freundschaft auf einer Farm in Mississippi nach dem Zweiten Weltkrieg. Blige spielt Florence Jackson, die stoische Mutter eines schwarzen GI, der nach dem Krieg in eine unverändert rassistisch geprägte Gesellschaftsordnung zurückkehrt. Es ist keine subtile Geschichte, aber tief erschütternd und emotional ergreifend.

    Als Florence bewältigt Blige Härte, Schmerz und Ungerechtigkeit mit überraschender und sanfter Subtilität. „Ich glaube, dass der Film so viele beeindruckt, weil er sehr nah an der Welt ist, in der wir heute leben“, sagt Blige. Sie wolle nicht zu politisch werden, erklärt sie, glaubt aber, dass der Film nicht ohne Grund gerade jetzt Widerhall findet. Sie formuliert ihre Wut über die Politik in ihrer Heimat: „Gucken Sie sich unsere politische Führung an. Es ist außer Kontrolle. Es ist ein Albtraum. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Wie konnten wir von einem Präsidenten wie Obama mit seiner Reife, seinem Optimismus und seiner Weisheit so weit herabsinken: diese Negativität, SMS-Schickerei, Twittern und dieser ganze Mist, dieses Staubaufwirbeln und Mit-dem-Finger-Zeigen? Es ist verrückt.“

    Ein Südstaatendrama im rechten Amerika

    In ihrem Drama Mudbound folgt Regisseurin Dee Rees zwei Familien — eine weiß und eine schwarz — im Mississippi-Delta während des Zweiten Weltkriegs und der Zeit danach. R&B-Sängerin Mary J. Blige spielt Florence Jackson, eine Mutter, deren Sohn als Veteran aus Europa heimkehrt und in seiner Heimat mit Rassismus konfrontiert wird. Niemand anders als Mary J. Blige sei für die Rolle in Frage gekommen, so die Regisseurin. Sie hat Hillary Jordans Geschichte über Rassismus und Armut in den 1940ern adaptiert. Mary J. Blige ließ sich für ihre Rolle von ihrer Großmutter und ihrer Tante inspirieren, beide lebten im Süden. Sie habe auch die Schwermut über das Ende ihrer Ehe in die Rolle gepackt. Der Film, der vergangenen Januar seine Premiere beim Sundance-Festival feierte, hat laut New York Times das Zeug, die erste Netflix-Produktion zu werden, die um den Oscar konkurriert.

    Regisseurin Dee Rees könnte laut Zeitung „die erste afrikanisch-amerikanische Frau werden, die für den Regie-Oscar nominiert wird“. Bislang waren in der 89-jährigen Oscar-Geschichte vier Frauen für die Statue nominiert, Kathryn Bigelow war die einzige, die sie (2010) gewann. Mudbound trifft einen Nerv, in Zeiten, in denen der Ku-Klux-Klan und weiße Nationalisten in den USA auf Straßen demonstrieren, geduldet von Trump.
    Außerdem steht dieserFilm, der gleichzeitig auf Netflix und in manchen Kinos anläuft, für eine sich verändernde Branche: Streamingdienste wie Amazon und Netflix gewinnen Land. Und in der Oscar-Akademie gibt es seit Protesten gegen eine zu hohe Anzahl weißer Mitglieder (#OscarsSoWhite) mehr jüngere Repräsentanten verschiedener Herkunft. Maxi Leinkauf

    Mudbound war Bliges erste richtige Chance, eine gehaltvolle Rolle zu spielen, und sie behauptet sich sehr gut neben einer bewährten Besetzung. Regisseurin Dee Rees wollte genau sie für die Rolle, erzählt Blige, und sie habe sofort akzeptiert, weil sie das Skript zu Tränen gerührt hat. Sie engagierte einen Schauspieler-Coach, der sie lehrte, eigene Erlebnisse für die Figur zu nutzen: „Da hat mein Leben ja einiges zu bieten“, lächelt Blige. Und dann habe sie sich daran gemacht, ihre Popstar-Haut abzustreifen: „Ich konnte nicht mehr Mary J. Blige sein. Ich musste Florence sein, in der Hitze, inmitten der Moskitos, im Matsch, in der kleinen ärmlichen Hütte mit all den Kindern und dem Mann. Mary J. Blige hat ja keinen Mann – nicht mehr.“

    Kritiker? Zum Teufel damit!

    War es angenehm, mal eine Weile nicht Mary J. Blige zu sein? „Absolut. Es war befreiend. Ich habe immer Flechtfrisuren, Haarteile und Perücken getragen und meine nicht ganz perfekten Seiten abgedeckt. Florence hat mich dazu gebracht, mich mit all meinen Kanten zu zeigen. Ich bin ohne Dauerwelle rumgelaufen, kein Glätten, nur meine eigenen, natürlichen Haare, kaum Make-up. Das hat mir gutgetan.“ Mit den großen diamantbesetzten Ohrringen und einem schwarzen Seidentop, das wellige blonde Haar hochgesteckt, wirkt Blige erwartungsgemäß glamourös, wie sie da vor mir sitzt, trotz Fish ’n’ Chips auf dem Teller. Ihr hat der Film bewusst gemacht, wie sehr sie normalerweise auf ein gestyltes Äußeres achtet: „Ich habe mich total darüber aufgeregt, keine langen Wimpern zu haben! Und dann dachte ich plötzlich: ,Oh mein Gott, Mary, du bist ja so eitel.‘“

    Dort, wo Blige aufgewachsen ist, im sozialen Wohnungsbau von Yonkers, war Aussehen wichtig. „Alles drehte sich immer darum, wie man aussah. Auch wenn man nichts hatte, ging es darum, wie man aussah. Als Salt ’n’ Pepa mit blonden Haaren auftraten, ging es darum. Wichtig waren die Turnschuhe, die man trug, die Jacken. Dann wurde ich zu Mary J. Blige, und da ging es erst recht darum. Sie ist eine so reale Person, dass ich sie loswerden musste, um den Charakter wirklich zum Leben zu erwecken.“ Ich bin kurz verwirrt. Wer ist eine reale Person? „Mary ist eine reale Person“, stellt sie klar. „Ich musste sie wirklich aufgeben, damit Florence leben konnte. Es sieht so aus, als ob Florence cooler ist als Mary J. Blige.“ Blige spricht häufig so von „Mary J. Blige“, als sei sie etwas Eigenständiges, abgetrennt von der Frau, die mir am Tisch gegenübersitzt. Die Veröffentlichung von What’s the 411? ist 25 Jahre her, aber die Diskrepanz zwischen Mary, der Künstlerin, dem Star, und Mary, dem Mensch, ist so stark, dass sie manchmal die Orientierung zu verlieren scheint, auch heute noch. Sie sucht nach den richtigen Worten, um zu beschreiben, wie es sich anfühlt, aus der Armut kommend zu solcher Berühmtheit zu gelangen: „Wenn man sehr viel Geld hat, kann man damit alles verdecken. Wenn man wenig Geld hat, ist nichts zu machen. Dadurch lernt man, Peinlichkeit und Scham zu ertragen. Das weiß ich zu schätzen und bin dankbar dafür.“ Es ist Teil ihrer Überlebensstrategie: „Man weiß, wie man es übersteht, kein Geld zu haben. Dann übersteht man es auch, wenn irgendein peinlicher Mist in den Boulevard-Medien einen trifft. Man entwickelt ein dickes Fell.“ Ich frage mich, wie dick ihr Fell wirklich ist. In ihrem Leben hat es viele Dramen gegeben, trotz des Postulats, kein weiteres zuzulassen.

    Als sie im vergangenen Jahr die damalige Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton interviewte, musste sie sich viel Spott dafür gefallen lassen, dass sie ihr etwas vorsang. „Ich dachte, ich trage dazu bei, etwas zu verändern“, seufzt sie. „Hallo, das bin ich, Mary J. Blige, keine Journalistin. Ich bin sehr beunruhigt.“ Während des Gesprächs mit Clinton hatte sie ein kurzes Cover von Bruce Springsteens American Skin (41 Shots) gesungen, einem Lied über Polizeibrutalität gegen einen Schwarzen. „Es trifft mich, dass die Leute nichts wohlwollend betrachten können. Immer müssen sie auf einen einhacken. Egal wie positiv etwas ist, sie müssen einen Weg finden, um einen Kommentar auf Twitter oder so abzusetzen. Es ist – irgendwie cool. Aber wissen Sie was? Auch gut. Zum Teufel mit ihnen. Oder nicht?“ Sie lacht trocken auf.

    Unaufgefordert kommt sie wieder auf ihre Scheidung zurück. Das ganze vergangene Jahr hat sich das Ex-Paar einen hässlichen Gerichtsstreit geliefert. Als in ihrem Berufsleben Dinge schiefgingen, begannen ihre persönlichen Alarmglocken zu klingeln, meint Blige. „Erst kam die Sache mit der Burger-King-Werbung (die schnell wegen rassistischer Stereotypisierung zurückgezogen wurde), dann waren meine Steuern und Geschäfte auf allen Sendern und so ging das weiter. Ich verstand gar nichts mehr: ,Was zum Teufel ist hier los? Haben mich alle verlassen? Ja.‘ Das waren deutliche Zeichen. Aber eigentlich bin ich in meiner Ehe verlassen worden.“

    Ihre Stimme bricht ab

    Gleichzeitig hatte es etwas Positives. „Es machte mir klar, wie wichtig ich für die Welt war. So ein großer Star bin ich? Dann sollte ich wohl besser meine Angelegenheiten geregelt kriegen.“ Wieder lacht sie auf. „Was ich richtig gemacht habe, hat mich nicht weitergebracht im Leben, sondern die ganzen Fehler. Es war ein solches Desaster, dass ich nicht wusste, ob ich es überleben würde.“ Meint sie das letzte Jahr? „Die letzten fünf Jahre waren ein Desaster. Ich hoffte noch, meine Ehe zu retten, als sie längst vorbei war. Und dann blieb ich allein zurück.“ Sie habe sich so verloren gefühlt, dass sie sogar daran zweifelte, ob sie je wieder Musik machen wollte: „Ich war mir über gar nichts mehr sicher. Wenn jemand immer weiter an deinem Selbstbewusstsein nagt, bis es so klein ist, dass man nicht einmal mehr weiß, was man kann ...“ Ihre Stimme bricht ab.

    Um Abstand zu gewinnen, zog die Sängerin für eine Weile nach London und veröffentlichte 2014 ihr Album The London Sessions, für das sie unter anderem mit Sam Smith und Disclosure zusammenarbeitete. „Sie haben mir geholfen, mein Selbstbewusstsein wieder aufzubauen. Sie glaubten an mich und mein Talent, und ich dachte: ,Hey, vielleicht solltest du auch wieder anfangen, an dich zu glauben.‘ Moment mal. Spricht da Mary J. Blige? Wieso braucht sie Disclosure, um ihr zu sagen, wie gut sie ist? „Wenn man so lange in einer Sache steckt, die Stückchen um Stückchen am Selbstbewusstsein nagt, bis man praktisch nicht mehr da ist – das ist eine verrückte Erfahrung. Es ging darum, dass mich wieder jemand wertschätzt.“

    Dieses Jahr veröffentlichte sie den schmerzhaft ehrlichen Song Strength of a Woman: „Ja, wenn es um Musik geht, weiß ich, dass ich ein großartiges Bauchgefühl habe. Das hatte ich verloren, mein Bauchgefühl und mein Talent. Aber ich habe es jetzt wieder.“ Zudem sind nach Mudbound weitere Rollen in Aussicht. Zum ersten Mal in ihrem Leben kümmert sie sich auch selbst um ihre Finanzen, kontrolliert alle Ein- und Ausgaben genau, weil sie das Gefühl hat, niemandem wirklich trauen zu können. Immer wieder habe sie Menschen kennengelernt und für anständig gehalten, aber „stattdessen bestehlen sie dich genau wie alle anderen“.

    Rebecca Nicholson ist Autorin beim Guardian

    Übersetzung: Carola Torti

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  2. US-Außenpolitik | Jenseits der Diplomatie
    Trumps Schwiegersohn und Berater Jared Kushner scheint der Auffassung zu sein, er könne den gesamten Nahen Osten neu gestalten – mit möglicherweise verheerenden Folgen

    Der gesamte Nahe Osten, von Palästina bis in den Jemen, scheint nach dieser Woche kurz davor, in Flammen aufzugehen. Die Region stand ohnehin schon auf der Kippe, doch die jüngsten Ereignisse haben die Situation noch weiter verschlechtert. Und während das Chaos jedem zufälligen Beobachter klar vor Augen treten sollte, ist die Rolle, die Jared Kusher in diesem Chaos spielt, nicht ohne weiteres für jeden ersichtlich.

    Kushner ist, natürlich, der Chefberater und Schwiegersohn des US-Präsidenten. Der 36-Jährige hat in Harvard studiert und scheint Probleme damit zu haben, Formulare wahrheitsgetreu auszufüllen. So hat er es wiederholt versäumt, bei Sicherheitsüberprüfungen seine Treffen mit ausländischen Vertretern zu erwähnen. Er informierte die US-Regierung auch nicht darüber, dass er der Co-Vorsitzende einer Stiftung war, die Geld für israelische Siedlungen sammelt, die nach internationalem Recht illegal sind. (Ihm wird weiterhin nachgesagt, er habe Michael Flynn im vergangenen Dezember angewiesen, dieser solle die Mitglieder des UN-Sicherheitsrates einberufen, um eine Resolution zu vereiteln, die den israelischen Siedlungsbau verurteilt. Flynn rief in Russland an.)

    In seiner Rolle als Sonderberater des Präsidenten scheint Kushner zu der Ansicht gelangt zu sein, er könne den gesamten Nahen Osten neugestalten. Zusammen mit seinem neuen besten Freund, Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman, stürzt er die Region weiter ins Chaos. Der 32-jährige Kronprinz machte erst vor kurzem von sich reden, indem er etliche Mitglieder der herrschenden Elite seines Landes wegen Korruptionsvorwürfen verhaften ließ – einschließlich seiner eigenen Familie.

    „Großes Vertrauen“

    Tage vor Salmans beispiellosem Schritt reiste Kushner unangekündigt nach Riad, um sich mit dem Prinzen zu treffen. Berichten zufolge dauerten die Gespräche bis spät in die Nacht. Die beiden stimmten ihre Strategie ab und tauschten Geschichten aus. Man weiß nicht genau, was die beiden ausgeheckt haben, aber Donald Trump tweetete später, er habe „großes Vertrauen“ in Salman.

    Doch die Allianz zwischen den beiden reicht weit über Riad hinaus. Gemeinsam drängen Saudis und US-Amerikaner verschiedene palästinensische und arabische Führungsfiguren zu einem neuen „Friedensvertrag“, der so einseitig die Wünsche und Interessen Israels berücksichtigt wie noch kein anderer zuvor.

    Ahmad Tibi, ein palästinensischer Abgeordneter in der israelischen Knesset, hat die grundlegenden Konturen des Deals gegenüber der New York Times wie folgt erläutert: keine vollständige Staatlichkeit für die Palästinenser, nur eine „moralische Souveränität“ und die Kontrolle über die nicht verbundenen Segmente der besetzten Gebiete. Keine Hauptstadt Ost-Jerusalem, kein Rückkehrrecht für die palästinensischen Flüchtlinge.

    Das ist natürlich in Wirklichkeit kein Deal, sondern eine Beleidigung des palästinensischen Volkes. Ein weiterer arabischer Offizieller, der in dem Bericht der Times zitiert wird, äußert die Ansicht, der Vorschlag stamme von jemandem, der keine Erfahrung habe, aber versuche, der Familie des US-Präsidenten zu gefallen. Mit anderen Worten sieht alles danach aus, als würde Mohammed bin Salman, Jared Kushner Palästina als eine Art Geschenk überreichen wollen – wehe den Palästinensern! Als nächstes kam Donald Trump und schlug sowohl jede Vorsicht als auch das internationale Recht in den Wind, indem er Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannte.

    Am Rande einer humanitären Katastrophe

    Aber es geht nicht allein um Israel. Der Jemen steht am Rande einer humanitären Katastrophe, die weitgehend auf die saudische Blockade des Landes zurückzuführen ist. Trump hat sich in der vergangenen Woche schließlich gegen die saudische Maßnahme ausgesprochen. Aber es heißt, sowohl das State Department als auch das Pentagon hätten Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate im Stillen schon seit einiger Zeit dazu gedrängt, ihren Krieg gegen den Jemen (als auch gegen den Libanon und Katar) für eine Weile herunterzufahren – und damit wenig Erfolg gehabt. Warum? Weil die Vertreter Saudi-Arabiens und der Emirate glauben, das Weiße Haus würde ihr hartes Vorgehen „stillschweigend billigen, insbesondere Donald Trump und dessen Schwiegersohn und Chefberater, Jared Kushner“, so die Journalistin Laura Rozen in einem Bericht.

    Das Bündnis zwischen Kushner und Salman scheint insbesondere Außenminister Rex Tillerson zu ärgern. Kushner hält das Außenministerium angeblich vollständig aus seine Plänen für den Nahen Osten heraus. Besonders bedenklich hält Tillerson Bloomberg News zufolge die Gespräche Kushners mit Salman über ein mögliches militärisches Vorgehen Saudi-Arabiens gegen Katar. Das State Department macht sich Sorgen wegen all der unvorhersehbaren Folgen, die dies haben könnte – einschließlich einer Verschärfung des Konflikts mit der Türkei und Russland und vielleicht sogar einer militärischen Reaktion durch den Iran oder ein Angriff der Hisbollah auf Israel.

    An dieser Stelle sollte die Diplomatie des State Department einsetzen. Der US-Botschafter in Katar könnte zwischen den beiden sich bekriegenden Parteien vermitteln und versuchen, eine Lösung des Patts zu finden. Was also hat der US-amerikanische Botschafter in Katar zu der Allianz zwischen Kushner und Salman zu sagen? Nichts, da es noch immer keinen offiziellen Botschafter in Katar gibt. Und was ist mit dem US-Botschafter in Saudi-Arabien? Dieser Posten ist ebenfalls vakant. Die US-Botschafter in Jordanien, Marokko, Ägypten? Vakant, vakant, vakant. Was ist dann mit dem Assistant Secretary for Near Eastern Affairs, ein wichtiger strategischer Posten zur Durchsetzung der US-Politik in der Region? Auch für diesen Posten ist niemand nominiert worden. Und der Deputy Assistant Secretary for Press and Public Diplomacy? Unbesetzt.

    Es ist zum Teil dieses Führungsvakuum im Hause Tillerson, das es Kushner ermöglicht hat, seine mächtige Allianz mit Salman zu schmieden – sehr zum Nachteil der Region. In ihrem Bestreben, den Iran zu isolieren, verursachen Kushner und Salman einen Sog der Zerstörung. Der Krieg im Jemen wird immer intensiver geführt. Katar steht enger an der Seite Irans als jemals zuvor. Ein Abkommen zwischen Israel und den Palästinensern scheint kaum mehr möglich. Der libanesische Premierminister ist von seinem Rücktritt zurückgetreten und der saudische Staat muss dem Ritz-Carlton ein kleines Vermögen bezahlen, damit es wichtige Mitglieder der Herrscherfamilie wegen Korruptionsvorwürfen festhält.

    Es gibt eine lange Tradition amerikanischer Politiker, die glaubten, sie wüssten, was das Beste für den Nahen Osten sei, während sie ihre autokratischen Verbündeten in der Region auf Kosten der einfachen Leute unterstützen. Doch das Kushner-Salman-Bündnis steht auch noch für etwas anderes. Sowohl in den USA als auch in Saudi-Arabien verteilt sich die Macht auf immer weniger Hände. Und wenn immer weniger Leute im Raum sind, ist irgendwann keiner mehr da, um diesen Männern zu sagen, welchen Schaden sie mit ihren Ideen anrichten. Wer wird sich trauen, ihnen zu erklären, dass sie bereits gescheitert sind?

    Moustafa Bayoumi ist Autor des Buchs How Does It Feel To Be a Problem? Being Young and Arab in America

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  3. Simbabwe | Opfer seiner selbst
    Robert Mugabe war anfangs ein Hoffnungsträger und hinterlässt nun als tragikomische Figur einen gescheiterten Staat

    Das Land trieb seit Tagen einer Entscheidung entgegen. Zum wiederholten Mal verhandelte Generalstabschef Constantino Chiwenga am Wochenende mit Robert Mugabe, um ihm zu bedeuten, die Demission des 93-Jährigen sei nur noch eine Formalität. Die Zeit seines Regimes sei nach 37 Jahren unwiderruflich vorbei. Dabei hatte die sture Verstiegenheit, mit der Mugabe bis zuletzt die Macht verteidigte, etwas Tragikomisches und vermochte das Bewusstsein zu schärfen, dass da einer aus der inzwischen dünn gesäten Generation afrikanischer Unabhängigkeitskämpfer der ersten Stunde abtrat, von denen nicht wenige so wie er an sich selbst gescheitert sind.

    Mugabe, der 1980 die Macht in Simbabwe übernahm, war stets eine Mann der vielen Gesichter – ein idealistischer junger Marxist und als solcher Gefangener des weißen, rassistischen Regimes von Ian Smith, der sich 1965 einseitig von Großbritannien losgesagt hatte. Mugabe war vielgepriesene Ikone eines panafrikanischen Nationalismus, Reformer wider Willen, schließlich gnadenloser und gnadenlos alternder Diktator, tief verstrickt in Korruption und Filz. Doch neigen viele seiner westlichen Kritiker, die ihn für Misswirtschaft und Repressionen verantwortlich machen, zu einer eindimensionalen Sicht. Sie geißeln ihn als Inkarnation des Versagens, gar als Präsidenten, der einen Failed State hinterlässt – die Wahrheit ist nicht ganz so schwarz und weiß.

    Mugabes Aufstieg nach Simbabwes durch die schwarze Mehrheit getragener Unabhängigkeit von Großbritannien ab 1980 stand nicht von vornherein fest. Joshua Nkomo, Führer der Zimbabwe African People’s Union (ZAPU), rang mit Mugabes Zimbabwe African National Union (ZANU) um die Macht. Beide machten ihr Prestige aus dem Unabhängigkeitskampf geltend, inklusive langjähriger Haft unter dem Kolonialregime, und waren sehr verschiedene Charaktere.

    Nkomo präsentierte den afrikanischen Anführertyp des „großen Mannes“ – ausladend, unbeständig und charismatisch. Der schnittige, schlanke Mugabe war der Intellektuelle – clever, elegant, kalkulierend und eitel. Während des „Rhodesischen Buschkriegs“ gegen Ian Smiths illegale Regierung in den frühen 1970er Jahren wurde Mugabe von China unterstützt, Nkomo von der Sowjetunion. Eine noch grundlegendere Spaltung ergab sich durch den ethnischen Bezug: Nkomo gehörte zur Gruppe der Ndebele aus Matabeleland, historisch gesehen Feinde von Mugabes Shona-Mehrheit. Hätte sich Nkomo durchgesetzt, wäre Simbabwes jüngste Geschichte womöglich völlig anders verlaufen. Aber schon bei den Lancaster-House-Gesprächen in London wurden 1979 Weichen gestellt. Der damalige britische Außenminister Lord Carrington legte Mugabe nahe, die Rolle eines prowestlichen, demokratischen Führers einzunehmen und sich so vom populistischen Nkomo abzusetzen. Eine Zeit lang richtete sich Mugabe danach. Als er daraufhin nach dem ZANU-Wahlsieg Anfang 1980 Simbabwes erster Premierminister wurde, gab es zunächst mit finanzieller Assistenz Großbritanniens und der USA ein konventionelles Programm sozialökonomischer Reformen. Der ausmanövrierte Nkomo wurde in Mugabes erster Regierung zwar Minister, doch war der ultimative Crash zwischen beiden programmiert.

    Die Kobra im Haus

    1982 kam es – wie zu erwarten – zum offenen Konflikt: Nkomo setzte sich ab, nachdem Mugabe ihn als „Kobra im Haus“ angeprangert und ihm vorgeworfen hatte, einen Coup zu planen. Bei einem brachialen Feldzug der Rache in Matabeleland zeigte Mugabe erstmals, wie unerbittlich er sein konnte. Bis zu 20.000 Menschen – zumeist Ndebele – fielen Pogromen seiner berüchtigten, in Nordkorea ausgebildeten Fünften Brigade zum Opfer.

    Ab 1987 dann vereinte Mugabe als Exekutivpräsident die Mandate des Staatsoberhaupts, Regierungschefs und Armeeführers in seiner Person. Ende des gleichen Jahres kam es zum Burgfrieden mit Nkomo, der zurückkehren, der Fusion von ZANU und ZAPU zur ZANU-PF seinen Segen geben und später Vizepräsident sein durfte. Simbabwe driftete in Richtung Einparteienstaat. Mit neuer Macht ausgestattet, aber immer noch frustriert vom langsamen Wandel, kehrte Mugabe zu seinen früheren neo-marxistischen Ansichten zurück und wurde in seinem Führungsstil deutlich autoritärer.

    Als viele weiße Simbabwer Mitte der 1980er Jahre das Land verließen, wirkte sich das ungünstig auf die Agrarproduktion aus, Simbabwes ökonomische Lebensversicherung. Dabei blieben die leistungsstarken Betriebe in den Händen weißer Eigentümer. Zugleich erschütterte anschwellender Widerstand gegen die Apartheid im benachbarten Südafrika auch Simbabwe, das Verfolgte und Flüchtlinge aufnahm. Als 1991 die Sowjetunion zerfiel, verlor Mugabe international den letzten Rückhalt, so dass er sich dazu durchrang, die Wirtschaft nach den Leitlinien des freien Marktes zu führen, aber an seinen sozialistischen Maximen festzuhalten. 1991 akzeptierte er eine Intervention des Internationalen Währungsfonds (IWF) und fügte sich einem „Strukturanpassungsprogramm“. Parallel dazu löste eine Landreform, die auf eine Enteignung weißer Farmen gegen Entschädigung zielte, einen Sturm der Entrüstung in den USA und Großbritannien aus, die nun einen Grund hatten, ihren finanziellen Beistand heftig zu kürzen.

    Isoliert und geächtet gab Mugabe im Jahr 2000 jeden Willen zum Konsens auf, er billigte gewaltsame Landenteignungen und erklärte, dies diene der sozialen Gerechtigkeit. Der Effekt freilich war ein anderer – auf den Exodus der Weißen folgten schrumpfende Agrarerträge und verknappte Lebensmittel.

    Je dirigistischer die Wirtschaftspolitik ausfiel, desto resoluter wurde in Simbabwe die Intoleranz gegenüber jedem politischen Dissens. Was die oppositionelle Bewegung für den Demokratischen Wandel (MDC) unter Morgan Tsvangirai bei mehreren Wahlen zu spüren bekam – durch Betrug, Einschüchterung, Medienzensur und das Wegsperren ihrer Kandidaten. Nachdem Tsvangirai 2008 die erste Runde der Präsidentenwahl gewinnen konnte, zwangen ihn Drohungen, die Kandidatur aufzugeben. Mugabe hatte zuvor eine angloamerikanische Konspiration für seine Niederlage verantwortlich gemacht – weder die chronische Armut noch eine grassierende Hyperinflation noch ein kollabierendes Bildungs- und Gesundheitssystem. Die folgende Regierungszeit prägte eine hohe Erwerbslosigkeit, die viel mit dem Niedergang der einstigen Kornkammer im südlichen Afrika zu tun hatte. Dieser Ressource wieder Leben einzuhauchen, blieb durch internationalen Kreditboykott verwehrt.

    Endgültig diskreditiert hat sich die ZANU-PF-Elite wegen etlicher Bestechungsskandale und des extravaganten Lebensstils der kaum populären Grace Mugabe, der zweiten Frau des Präsidenten. Da der Druck im Kessel stets weiter stieg, grenzte es an ein Wunder, dass sich Robert Mugabe so lange an der Staatsspitze halten konnte. Augenscheinlich verhinderten sein Charisma und die Verdienste um die Souveränität des Landes einen jähen Sturz.

    Als Mugabe 1980 die Unabhängigkeit aushandelte und besiegelte, war er der richtige Mann, der am richtigen Ort richtige Worte fand. Aber wie andere namhafte Freiheitskämpfer und afrikanische Nationalisten seiner Generation – Nelson Mandela ausgenommen – hat er nie auf die Kunst eines ausgewogenen, demokratischen Regierungsstils Wert gelegt.

    Warum? Vermutlich weil ihn ein Machtwille korrumpiert hat, bei dem es zuletzt nur noch darauf ankam, sich gegen andere zu behaupten Wie sein fast schmählicher Abgang zeigt, war er nie so mächtig, wie er und seine Gegner glaubten.

    Simon Tisdall ist einer der Kolumnisten des Guardian

    Übersetzung: Carola Torti

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  4. Syrien/Irak | Die Waisen des Dschihad
    Kinder von IS-Kämpfern sind Außenseiter und werden von den Staaten ihrer Väter wie unerwünschte Ausländer behandelt

    Am Rand eines großen Flüchtlingscamps 40 Kilometer nördlich von Rakka in Syrien ist eine kleine Gruppe von Frauen und Kindern getrennt von allen anderen untergebracht. Sie leben zusammen im hinteren Teil eines blauen Gebäudes; blonde und braunhaarige Kinder kommen durch die Decken gerannt, die ihre Mütter zur Abtrennung durch kleine, feuchte Räume gehängt haben. Von den anderen im Lager werden sie „Daeshis“ – die IS-Familien – genannt. Keiner will etwas mit ihnen zu tun haben. Die Frauen sind zumeist Witwen, oft Ausländerinnen, und blicken einer Zukunft entgegen, die düsterer aussieht als die der gut 12.000 Vertriebenen aus Syrien und dem Irak, die im Lager Ain Issa Zuflucht gefunden haben.

    Die Frauen kamen mit dem Strom der Flüchtlinge, die im Frühsommer Rakka verließen, als dort der IS immer mehr in Bedrängnis geriet. Sie wurden gleichermaßen separiert untergebracht wie die Angehörigen von besiegten Dschihadisten, von denen sich die Lagerleitung noch Informationen erhofft. Inzwischen aber scheinen die hier ausharrenden vaterlosen Familien für niemanden mehr von Interesse zu sein. Sie wirken verletzlich, verloren, schutzbedürftig, niemand nimmt sich ihrer an.

    Im Norden Syriens haben kurdische Einheiten neben Rakka auch die letzten Bastionen des IS erobert. Parallel dazu hat im benachbarten Irak das Militär zusammen mit Shia-Milizen den IS aus nahezu sämtlichen Städten vertrieben. Damit können die Frauen und Kinder der Terrormilizen nirgendwohin mehr ausweichen.

    Kein Staat, kein Recht

    Internationale Hilfsorganisationen und Regierungen geben sich große Mühe, zunächst einmal die genaue Zahl dieser Witwen und Waisen zu ermitteln. Man hält sie für stark gefährdet, durch Ressentiments und Ablehnung in ihrer unmittelbaren Umgebung ebenso wie durch marodierende Banden. „Keiner will etwas für sie tun, geschweige denn sie auch nur anfassen“, erzählt der 25-jährige Milizionär Ahmed al-Rakkawi im Zentrum von Rakka. „Als die IS-Leute hier waren, haben sie gedacht, sie seien die Könige. Sogar die Frauen dieser Könige wollten das glauben.“

    Nach bisherigen Schätzungen haben in den vergangenen vier Jahren bis zu 5.000 arabische und nichtarabische Frauen Kinder von Ausländern – unter anderem Tschetschenen, Kaukasiern, Russen, Afghanen und Briten – zur Welt gebracht, die sich dem IS angeschlossen hatten. Und das in Ländern wie dem Irak und Syrien, die selbst in normalen Zeiten nur beschränkten zivilen Schutz bieten. Stigmatisiert und traumatisiert bitten einige der Frauen jetzt die Staaten ihrer toten Ehemänner, sie aufzunehmen. Bisher mit wenig Erfolg. Australien, Großbritannien, Frankreich und andere europäische Länder räumen immerhin ein, dass sie noch entscheiden müssten, was mit den IS-Kindern geschehen soll. „Die Britinnen, die ihr Land unbedingt verlassen wollten, um in IS-Gebiete zu gehen, sind selbst für ihr Handeln verantwortlich. Sie werden nicht nach Hause kommen können“, gibt die britische Regierung zu verstehen. „Die Kinder aber verdienen Mitgefühl.“

    Frankreich hat jüngst die Tür einen Spalt weit geöffnet. Verteidigungsministerin Florence Parly kündigte im Hörfunk an, Kinder von gefallenen oder verstorbenen französischen IS-Kämpfern könnten aufgenommen werden, allerdings nicht ihre Mütter. Weiter sagte sie: „Bei Kindern, die in den Bürgerkriegsländern in Haft sind, können die Eltern entscheiden, ob die Kinder bei ihnen bleiben, bis das Urteil über sie gesprochen ist, oder nach Frankreich geschickt und eingebürgert werden. Sie kämen dann in die Obhut der Jugendämter. Auch wenn sie noch ziemlich klein sind, könnten sie schon radikalisiert sein und müssen überwacht werden. Unsere Aufgabe ist es, aus ihnen Bürger zu machen.“

    Seit drei Monaten drängen die Vereinten Nationen verstärkt die Länder, deren Staatsbürger Kinder in IS-Gebieten gezeugt haben, eine Lösung zu finden. „Der UN-Flüchtlingskommissar ist sehr besorgt, dass den Kindern das Schicksal der Staatenlosigkeit droht“, meint Rula Amin, UNHCR-Sprecherin für den Nahen Osten und Nordafrika. „Das UN-Flüchtlingshilfswerk hat den Auftrag, Staatenlosigkeit vorzubeugen und staatenlose Menschen zu schützen.“ Die UNO setzt sich dafür ein, dass die betroffenen Länder die Geburten der Kinder registrieren und ihnen eine Nationalität geben: „Diese jungen, unschuldigen Opfer des Krieges haben sehr viel durchgemacht und waren Zeugen von großem Leid. Eine Staatszugehörigkeit ist die Voraussetzung dafür, dass sie mit ihren Familien legal in einem Land leben. Es gibt ihnen die Chance, in einer Gesellschaft ein Identitäts- und Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln, zur Schule zu gehen, Fähigkeiten auszuschöpfen und die Hoffnung zu haben, ein friedliches Leben zu führen.“

    Im Flüchtlingscamp Ain Issa sind Zelte für Familien reserviert, die aus den IS-Gebieten kommen, aber mit der Terrororganisation nicht unbedingt viel zu tun hatten. Einige freilich sind Verwandte führender IS-Chargen, andere haben sich den Extremisten angepasst, als der IS vor drei Jahren in Rakka und Nordsyrien Einzug hielt. Bei anderen, wie Abu Jassem aus Falludscha im Irak, liegt die Verbindung zu Dschihadisten zehn Jahre zurück. Umringt von zutiefst misstrauischen Männern erzählt er, vor drei Jahren zunächst von Falludscha nach Bukamal an der irakischen Grenze geflüchtet zu sein, danach in die syrische Stadt Deir al-Sor: „Wohin wir auch gingen, die Luftangriffe sind uns immer gefolgt.“

    Die umstehenden Männer erklären, sie wüssten nichts von den IS-Witwen, die ein paar hundert Meter weiter untergebracht sind, und es scheint sie auch nicht zu interessieren. Einer der Männer zieht einen Vorhang beiseite und schiebt einen Rollstuhl mit einem schwer behinderten Mädchen hervor. Die Zwölfjährige, die sich weder bewegen noch sprechen kann, wurde nach der zweiten Schlacht um die irakische Stadt Falludscha Ende 2004 geboren. Seit den Kämpfen damals kamen dort deutlich mehr Kinder mit Behinderungen zur Welt als sonst im Land. Niemand hat bisher herausgefunden, warum. „Wir haben größere Sorgen als diese Frauen“, erklärt Abu Suhail. „Sie haben schließlich ihr Schicksal selbst gewählt.“

    Verzeihen verboten

    Auf der anderen Seite der Grenze, südlich der Stadt Mossul, die im Juli durch die irakische Armee vom IS zurückerobert wurde, zeigt sich Abdul Wahab al-Saadi, Vize-Kommandeur einer Anti-Terror-Einheit, alarmiert. Er und seine Männer bewachen rund 1.800 Frauen und Kinder von IS-Kämpfern, die in heruntergekommenen, halbzerstörten Häusern leben, darunter kaum Irakerinnen. „Es wird viel von Rehabilitierung gesprochen. Persönlich finde ich, das wäre ein menschlicher Weg, damit umzugehen“, meint er. „Nach irakischem Recht kann man nicht die Verwandten eines Kriminellen für seine Taten zur Rechenschaft ziehen und bestrafen. Aber genau das tun wir. Die Sache ist, dass es Traditionen und Werte der irakischen Gesellschaft nicht zulassen, diesen Familien einfach zu verzeihen. Daher sollte sich die internationale Gemeinschaft einschalten, und die irakische Zivilgesellschaft müsste Programme zur Wiedereingliederung anbieten, damit wir diese Leute in unsere Gesellschaft integrieren können.“

    Bisher jedoch scheinen die Behörden vor Ort dazu nicht bereit zu sein. Auf einem Flugblatt, das an IS-Familien verteilt wird, ist zu lesen: „Die Kämpfer des IS haben die rechtschaffenen und friedlichen Menschen in Mossul misshandelt und verletzt. Verlasst die Stadt. Hier ist kein Platz für euch, unsere Geduld ist erschöpft. Kommt nicht unseren Kugeln in die Quere, die für eure in Ungnade gefallenen Söhne bestimmt sind. Ihr seid nichts als eine Schande. Ewigkeit und Ehre unseren Märtyrern.“

    Sukainah Mohamad Younes leitet das Amt für Frauen und Kinder in der irakischen Provinz Niniveh. Im Auftrag der Stadtverwaltung von Mossul soll sie eine Lösung für die in dieser Gegend Gestrandeten finden: „Es gibt mehr als 1.500 Familien von IS-Kämpfern aus der Region, die auf die Lager Hamam al-Alil, Jadaa und Kajara aufgeteilt sind. Es handelt sich um Syrer, Russen, Tschetschenen, Briten und andere Nationalitäten.“ Vor kurzem habe sie 13 Kinder in einem Waisenhaus untergebracht und erreicht, dass einige Waisen zur Schule gehen können, obwohl sie staatenlos seien und keinen Identitätsnachweis hätten. „Aber was besagt das schon, wenn sie noch nicht einmal Schuhe an den Füßen haben. Wir sollten begreifen, diese IS-Kinder sind Opfer.“ Und ihre Zukunft sei ungewiss. Die Familien aus Niniveh würden von den ausländischen Familien getrennt. Sukainah: „Wir wissen weder, was mit den einen noch mit den anderen geschehen wird. Vor kurzem hat ein Gesandter aus Tschetschenien vier Kinder tschetschenischer Väter mitgenommen. Und eine russische Delegation hat sich eines kleinen Mädchens angenommen. Die Kinder von IS-Kämpfern aus der Region haben es noch viel schwerer. Wer wird sie aufnehmen? Niemand! Niemand ist dazu bereit. Sie können ebenso wenig in ihre Heimatorte zurückkehren, denn sie sind dort nicht willkommen. Aber was kann ein Kind dafür? Denken Sie an meine Worte: Egal, ob sie aus der Region sind oder ausländische Eltern haben – wenn wir uns nicht um diese Kinder kümmern, werden sie sich irgendwann revanchieren und womöglich die Verbrechen des IS noch übertreffen.“

    Im Vertriebenencamp Ain Issa kommen jeden Tag Lastwagen mit syrischen Flüchtlingen an, oft Nachzügler aus den IS-Vierteln von Rakka, die unterwegs auf die kurdische Seite waren. „Wir behelligen sie nicht, wir übergeben sie den Sicherheitsbehörden“, erklärt Elyas, der eine Gruppe Frontkämpfer anführt. „Dort bleiben sie ungefähr einen Monat und dann sind viele von ihnen wieder frei.“ Doch gilt das nicht für die ausländischen Familien, die im Lager festgehalten werden. In einem der Räume hat eine Frau auf Arabisch an die Wand geschrieben: „Oh Gott, lass Regen auf mein Herz fallen, damit er mein ganzes Leid von mir abwäscht.“

    Martin Chulov ist einer der Nahost-Korrespondenten des Guardian

    Übersetzung: Carola Torti

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  5. Politisches Kino | Halbgares Brodeln
    Kathryn Bigelow simplifiziert in ihrem neuen Film „Detroit“ die „Race Riots“ von 1967 auf eine gut gemeinte Weise

    Bei einer Vorführung von Cry Freedom, einem Film über Steve Biko, sagte 1987 ein schwarzer TV-Moderator zu mir: „Der Himmel bewahre uns vor weißen Linksliberalen.“ Dieser Stoßseufzer schoss mir durch den Kopf, als ich Kathryn Bigelows neuen Film Detroit sah.

    Die US-Regisseurin (The Hurt Locker, Zero Dark Thirty) nimmt die Detroiter race riots von 1967, um die aktuellen Probleme mit Rassismus in den USA zu simplifizieren. Mit ihrem Drehbuchautor Mark Boal präsentiert sie die Tragödie als Palette von Opfern und Tätern, wobei sie sich auf eine Episode extremer Polizeigewalt konzentriert. Vom Makrokosmos zum Mikrokosmos – das macht den Film typisch dafür, wie progressive Medienleute die ethnischen Beziehungen in den USA betrachten: Sie idealisieren Unglück und vereinnahmen schwarzes Leid, wobei ihr eigentliches Interesse ist, sentimentales Mitgefühl zu demonstrieren. (Ich begrüße Bigelows Ausdruck, aber sie hat bessere Filme gemacht, als sie weniger ernst war.)

    Detroit ist die halbgare Erklärung für die Unruhen, die 43 Todesopfer forderten, 100 Millionen Dollar an Immobilienwerten zerstörten und für Amerikas fünftgrößte Stadt eine nicht endende Abwärtsspirale einleiteten. Bigelow folgt der trendy Idee, dass jedes Gesellschaftsereignis in den 1960er Jahren als Parallele zu gesellschaftlichen Ängsten heute dienen kann.

    Detroit wird mit Ferguson gleichgesetzt, wo 2014 der afroamerikanische Schüler Michael Brown von einem Polizisten erschossen wurde. Transportiert wird die Illusion eines naiven Kriegers für soziale Gerechtigkeit mit der Überzeugung, dass Polizeieinsätze die Wurzel heutiger Ungleichheiten sind. (Die Werbekampagne für Detroit zeigt eine Gruppe wütender Schwarzer, die weißen Polizisten in Kampfanzügen gegenübersteht. Der Slogan: „Das ist Amerika“.) Solche Propaganda – hier ein Werbe-Meme – verzerrt Geschichte, um einer liberalen Fantasie gerecht zu werden, in der Afroamerikaner dem herablassenden Mitleid der Weißen zu Dank verpflichtet bleiben.

    Der Aufstand wird vermarktet

    Bigelows oberflächlicher Ansatz zeigt sich schon im Epigraf, der Detroit 1967 als „überfülltes“ Ghetto beschreibt – ein Sozialarbeiterklischee, das die Fortschritte unterschlägt, die Afroamerikaner damals vorweisen konnten, auch wenn die Lage nicht perfekt war. Am Anfang bieten animierte Bilder von Gemälden aus Jacob Lawrences Migration Series einen Anflug kultureller Authentizität. Lawrences Kunst gab der Sehnsucht Ausdruck, die Sklaverei hinter sich zu lassen, die die Landbevölkerung in die Industriestädte getrieben hatte (von der Armut zur potenziellen Arbeiterklasse) und den Norden der USA transformierte.

    Aber nachdem Bigelow ihre Kunstkenntnis demonstriert hat, zeigt sie nur noch pseudopolitisches Bewusstsein: Ihre Version der Unruhen eifert der Unmittelbarkeit von Die Schlacht um Algier (1966) nach, einem von Marx und Fanon inspirierten Film über den Kampf gegen den Kolonialismus. Wirkt wie ein cleverer Bezug, nur dass die Detroiter Unruhen keine aktive Revolution waren. Tod und Zerstörung so zu romantisieren und zu sentimentalisieren ist Teil einer tief verwurzelten (fast psychotischen) linksliberalen Vorstellung.

    Nach dem quasi-dokumentarischen Einstieg (inklusive News-Material) konzentriert sich die Regisseurin fast eine Stunde lang auf eine umstrittene Episode, bei der verschiedene Bürger, Polizisten und das Militär an einem Ort eingeschlossen waren, der symbolisch zum Schnellkochtopf für die amerikanischen Konflikte wird. Drei weiße Polizisten drangsalieren und foltern zehn schwarze Männer und zwei weiße Frauen (am Ende sind drei Menschen tot) in einem Detroiter Motel, ein Vorfall, über den John Hersey in dem Buch The Algiers Motel Incident berichtet hat.

    Dabei kanalisiert Bigelow ihre Beunruhigung in eine überzogene Exploitationfilm-Szene (inklusive weiblicher Nacktaufnahme). Die verwirrende, unlogische Form der nicht enden wollenden Sequenz unterstreicht die Unwahrscheinlichkeit der dramatischen Handlung: Weder wird Motivation ausreichend etabliert noch Persönlichkeit verständlich.

    Detroit gibt sich mit rassistischen Stereotypen zufrieden. Einem wahnsinnigen weißen Polizisten (Will Poulter) steht der schwarze, gut handelnde Security-Mitarbeiter (John Boyega) gegenüber. Dabei begibt sich Bigelow niemals ins Bewusstsein des guten Samariters, der während des langen Gewaltausbruchs unerklärlich viel freie Hand hat. Genauso wenig durchdringt sie das Innenleben des Täters, der lediglich als der verschwitzteste Weiße nördlich der Mason-Dixon-Linie daherkommt.

    Der Hauptteil des Films fühlt sich schmutzig an, nicht existenziell, als wäre man in einem Sex-und-Gewalt-Thriller gefangen. Die Fantasie der Gleichsetzung von Rassismus mit einem allgemeinen Albtraum bringt nicht weiter. Nichts, was in der höllengleichen Filmsequenz gezeigt wird (oder später im unnötigen Gerichtsprozess, der die Cops freispricht), deutet auf den Siedepunkt gesellschaftlicher Frustration, von dem Spike Lee in Do the Right Thing (1989) erzählt hat. Leidvolle amerikanische Geschichte auf ein Opfer-Verbrecher-Schema zu reduzieren ist belanglos.

    Wie der von Boyega gespielte Held, der als ineffektiver Augenzeuge seine Nase in alles steckt, zeugt Detroit von einem falsch verstandenen Humanismus; der Aufstand wird vermarktet. Der Brutalisierung von Schwarzen zuzuschauen scheint ein verzerrtes linksliberales Bedürfnis nach Mitleidhaben zu befriedigen.

    Info

    Detroit Kathryn Bigelow USA 2017, 143 Minuten

    ©2017 National Review. Gekürzter Nachdruck. Mit freundlicher Genehmigung.

    Übersetzung: Carola Torti

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