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Donnerstag, 19. Oktober 2017

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The Guardian

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The Guardian
  1. Porträt | Mord auf Malta
    Daphne Caruana Galizia kämpfte als Journalistin gegen Steuerkriminalität und Korruption. Jetzt ist sie tot

    Die Journalistin, die die Panama-Papers-Untersuchungen über Korruption in Malta geleitet hat, ist tot. Daphne Caruana Galizia wurde am Montagnachmittag in der Nähe ihrer Wohnung mit einer Autobombe ermordet. Sie starb im Alter von 53 Jahren, als ein Sprengsatz ihren Peugeot 108 in mehrere Teile zerfetzte und die Trümmer in ein Feld schleuderte. Bis zu Redaktionsschluss hatte sich niemand zu dem Anschlag bekannt.

    Die Online-Artikel der Journalistin und Bloggerin hatten oft mehr Leser gefunden als alle Zeitungen des Landes zusammen. Dem Establishment wie den Unterweltgestalten, die im kleinsten EU-Mitgliedsstaat herrschen, war Caruana Galizias Arbeit ein Dorn im Auge. Ihre jüngsten Enthüllungen betrafen Maltas Premierminister Joseph Muscat, dessen sozialdemokratische Partei das Land nach langen Jahren in der Opposition seit 2013 regiert, und zwei von dessen engsten Beratern. Sie brachten Offshore-Unternehmen im Umfeld der drei Männer mit dem Verkauf maltesischer Ausweispapiere und Zahlungen der Regierung an Aserbaidschan in Verbindung.

    Muscat erklärte auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz: „Jeder weiß, dass Frau Caruana Galizia mich scharf kritisiert hat, sowohl politisch als auch persönlich. Aber dieser barbarische Akt ist von niemandem in irgendeiner Weise zu rechtfertigen.“ Im Parlament erklärte Muscat später, Beamte der US-Bundespolizei FBI seien auf dem Weg nach Malta, um die Untersuchungen zu unterstützen. Adrian Delia, der Vorsitzende der Nationalist Party, über den Caruana Galizia ebenfalls kritisch berichtet hatte, behauptete, die Tat stehe in Zusammenhang mit ihrer Arbeit: „Was heute geschah, ist kein gewöhnlicher, sondern ein politischer Mord. Es ist die Folge des völligen Zusammenbruchs der Rechtsstaatlichkeit, der sich über die vergangenen vier Jahre hingezogen hat.“

    Maltesischen Medien zufolge hatte Caruana Galizia, die ihren Mann und drei Söhne hinterlässt, vor zwei Wochen Anzeige wegen gegen sie gerichteter Morddrohungen erstattet. Die Journalistin veröffentlichte den letzten Beitrag auf daphnecaruanagalizia.com am Montag um 14:35 Uhr und schrieb: „Wo man jetzt auch hinsieht: überall Gauner. Die Lage ist aussichtslos.“ Kurz nach 15 Uhr wurde die Explosion der Polizei gemeldet.

    Caruana Galizia, die nach eigener Aussage keiner politischen Partei angehörte, befasste sich mit einer ganzen Reihe von Themen: von Banken, die Geldwäsche ermöglichen, bis hin zu Verbindungen zwischen Maltas Onlinespiele-Industrie und der Mafia. In den vergangenen zwei Jahre konzentrierte sie sich auf Enthüllungen aus den Panama Papers – 11,5 Millionen Dokumente aus der Datenbank der Offshore-Firma Mossack Fonseca, deren Auswertung das International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) koordinierte. Ihr Sohn Matthew Caruana Galizia, Journalist und Programmierer, arbeitet für das ICIJ. Er hatte die Detonation von der Wohnung aus gehört und war zu deren Schauplatz gerannt. „Ich versuchte die Türe zu öffnen, die Hupe ging unentwegt“, schrieb er auf Facebook. Zwei mit einem Feuerlöscher herbeigeeilte Polizisten hätten ihm dann gesagt, es täte ihnen leid, aber jede Hilfe käme zu spät. „Ich sah um mich, überall waren die Teile des Körpers meiner Mutter, und ich sah ein: Sie hatten Recht.“ Matthew Caruana Galizia erklärte: „Meine Mutter wurde ermordet, weil sie zwischen dem Rechtsstaat und denen stand, die ihm zu schaden versuchten.“ Er nannte Malta einen „Mafia-Staat“, in dem in die Luft gejagt werde, wer von seinen Rechten Gebrauch mache.

    Die Familie der Ermordeten beantragte, die zufällig diensthabende und deshalb mit der Leitung der Ermittlungen betraute Richterin, Scerri Herrera, auszutauschen. Denn auch Herrera war in Artikeln Caruana Galizias kritisiert worden. Sie gab die Leitung der Ermittlungen am Dienstag ab. In den vergangenen Jahren hat es in Malta mehrere Anschläge mit Autobomben gegeben. Obwohl die Täter nie gefasst wurden, vermutet die Polizei Auseinandersetzungen zwischen kriminellen Banden hinter den Anschlägen. Bei keinem ging sie bislang von einem politischen Motiv aus.

    Enthüllungen Daphne Caruana Galizias hatten zu Beginn des Jahres, als Malta die EU-Ratspräsidentschaft innehatte, für Unruhe in Brüssel gesorgt. Europaparlamentarier forderten Premier Muscats Ablösung, als sich ein Skandal um dessen Frau, eine Briefkastenfirma in Panama und angebliche Zahlungen der Tochter des aserbaidschanischen Präsidenten ausweitete. Muscat rief schließlich vorgezogene Neuwahlen aus und gewann diese im Juni deutlich. Eigene Fehler hat er stets bestritten und versprach zurückzutreten, sollte nur ein Beweis dafür auftauchen, dass seine Familie über geheime Offshore-Konten verfüge, um auf ihnen Provisionen zu verstecken, wie Caruana Galizia behauptet hatte.

    Der in Sachen Panama-Papers-Aufklärung stark engagierte Grünen-Europaabgeordnete Sven Giegold sagte: „Es ist noch zu früh, um die Ursache für die Explosion zu kennen, aber wir erwarten eine umfassende Untersuchung.“ Gewalt gegen Journalisten könne in der EU „unter keinen Umständen toleriert werden“. Lückenlose Aufklärung forderte auch der gerade vom EU-Parlament in den Bundestag wechselnde Linken-Steuerpolitiker Fabio De Masi. Er forderte die Bundesregierung auf, „endlich ihre Blockade gegen harte Gesetze zur Bekämpfung der Geldwäsche-Mafia und von Steuertricks“ aufzugeben. „Dies sind wir Daphne Caruana Galizia schuldig.“

    Juliette Garside ist Finanz-Korrespondentin des Guardian und wurde für ihre Recherchen zu den Panama Papers und den Swiss Leaks ausgezeichnet. Sie recherchierte über Banken, die Geldwäsche ermöglichen, und die Mafia. Ihre Texte fanden oft mehr Leser als alle Zeitungen Maltas. Zuletzt schrieb Caruana Galizia: „Die Lage ist aussichtslos“

    Übersetzung: Holger Hutt

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  2. Porträt | „Krieg ist ein Stachel in unserem Bewusstein“
    Khaled Hosseini ist Bestsellerautor und seit Jahren Sonderbotschafter der UNO. Sein Kurzfilm „See Prayer“ erinnnert an den Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi

    Als ich in dem unscheinbaren Büro in San José ankomme, in dem ich Khaled Hosseini treffen will, herrscht gerade eine Ausnahme-Sonnenfinsternis. Das kalifornische Licht ist eigentümlich, silbrig und schwer.

    Als Hosseini die Tür öffnet, komme ich kaum dazu, ihn auch nur kurz zu begrüßen. „Haben Sie es schon gesehen?“, unterbricht er mich. Groß und elegant steht er da, mit einem Graue-Schläfen-Charme, der an George Clooney erinnert.

    „Los, kommen Sie“, drängt er, während er mir eine Spezialbrille in die Hand drückt und vor mir her hinters Haus stürmt. Er zeigt auf einen Punkt im Hinterhof. „Da drüben“, sagt er. „Das ist die beste Stelle.“

    Ich setze die Sonnenbrille auf und blicke in den Himmel. Die Sonne ist ein perfekter Kreis, in den der dunkle, runde Schatten des Mondes eine präzise Sichelform schneidet. So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen. Auf dem Weg hierher hatte ich versucht, die Sonnenfinsternis aus dem Auto zu beobachten, aber ohne Erfolg. Was Hosseini mir zeigt, ist atemberaubend. Nach einem kurzen Moment setze ich die Brille ab und blicke in seine Richtung. Er strahlt stolz, so, als sehe er die Sonne durch meine Augen.

    Mit 15 Jahren floh er selber

    Noch bevor ich Zeit habe, das Aufnahmegerät anzuschalten, prasseln seine Fragen auf mich ein: Wer ich bin und woher ich komme, will er genau wissen. Man hat das Gefühl, dass seine weltweiten Reisen als Sonderbotschafter des UN-Hochkommissars für Flüchtlinge (UNHCR) ihn geprägt haben. Seit mehr als einem Jahrzehnt hat er dieses Amt inne, zuletzt in Uganda. Es scheint, als schätze er dadurch sein Leben mehr und jeden, mit dem er zu tun hat. Hosseinis Aufgabe als Sonderbotschafter war es, mit Menschen zu sprechen, die vor dem Krieg auf der Flucht sind – in Afghanistan, im Tschad, im Irak, in Jordanien oder Uganda. Und ihre Geschichten aufzuschreiben, ähnlich wie er es für seine Charaktere Amir und Hassan in seinem 2003 erschienenen Bestseller-Roman Drachenläufer getan hat. Das Buch sei ein literarisches Wunder, schrieb der Berliner Tagesspiegel. Es ermögliche „Einblicke in die Gesellschaft Afghanistans jenseits der Stereotype des Westens“. Es sei ein „komplexes und zugleich sehr persönliches Panorama der letzten dreißig Jahre afghanischer Geschichte“, lobte die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

    Von dem internationalen Bestseller Drachenläufer wurden allein in den USA sieben Millionen Exemplare verkauft. Angesichts dieses unerwartet großen Erfolges hätte sich manch anderer Autor vielleicht aus der Welt zurückgezogen. Anders Hosseini – der selbst Kriegsflüchtling ist. Als Sohn eines Diplomaten wurde er 1965 in Kabul geboren. Seine Familie erhielt 1980 politisches Asyl in den Vereinigten Staaten. Hosseini hat es sich zur Aufgabe gemacht, still und leise das Leben von Flüchtlingen in der jüngeren Zeit zu dokumentieren. Dabei treibt ihn die Hoffnung, dass sein Schreiben die Welt dazu bringt, von der Not der Flüchtlinge Notiz zunehmen.

    „Alle wissen, dass Krieg ist“, erklärt er mir, „aber sobald man spürt, was dieser Krieg bedeutet, ist es für die meisten Leute unvorstellbar, nicht irgendetwas zu tun, auch wenn es nur wenig ist. Es wird viel schwieriger, die Sache nicht ernst zu nehmen oder einfach daran vorbeizugehen. Es ist ein Stachel im Bewusstsein.“

    In gewisser Weise war es immer Hosseinis Anliegen als Schriftsteller, einen Stachel ins Bewusstsein der westlichen Welt zu treiben. Sein Vater arbeitete als afghanischer Diplomat in Paris, als Russland 1979 in sein Heimatland einmarschierte. Die Familie beantragte Asyl in den USA, wo Hosseini im Alter von 15 Jahren mit nur beschränkten Englischkenntnissen ankam. Er studierte Medizin und praktizierte später in Kalifornien als Arzt. Neben der Arbeit begann er Drachenläufer zu schreiben, um ein Bild von seiner Heimat zu vermitteln, wie sie gewesen war. „Ich hatte erwartet, dass das Buch Widerhall bei Leuten finden würde, die sich für die Region interessieren, vielleicht sogar speziell für Afghanistan“, erinnert sich der Autor. „Aber dass es einen so großer Erfolg wurde, das hat mich ziemlich überrascht.“

    Der Vater fleht das Meer an

    Das englische Original von Drachenläufer stand 110 Wochen auf der New-York-Times-Bestsellerliste. 2007 legte Hosseini mit Tausend strahlende Sonnen seinen zweiten Roman vor. Weltweit verkauften sich seine ersten beiden Bücher 38 Millionen Mal. 2013 folgte sein dritter und jüngster Roman Traumsammler. Bevor er daran zu schreiben begann, hatte er bereits seinen Posten als UN-Sonderbotschafter angetreten. Rückblickend meint er, seine Arbeit für die Vereinten Nationen habe ihn als Schriftsteller verändert: „Ich denke, mein drittes Buch ist ruhiger. Es handelt weniger von Archetypen, ist ein bisschen komplexer“, erklärt er. „Vertreibung, Flüchtlinge, diese Themen beschäftigen mich immer noch sehr (...), aber ich denke, ich bin heute anders. Nicht besorgter. Aber mich treiben größere Fragen um als zu der Zeit, als ich Drachenläufer geschrieben habe.“

    Ehrenamt für Stars: UN-Sonderbotschafter

    Eine Legende wurde sie durch Rollen in Klassikern wie Ein Herz und eine Krone (1953). Größtes Ansehen erlangte die Schauspielerin Audrey Hepburn (1929-1993) später für ihr soziales Engagement. 1988 wurde sie Sonderbotschafterin des Kinderhilfswerkes der Vereinten Nationen. „Ich weiß aus eigener Erfahrung, was UNICEF für Kinder bedeutet, denn ich gehöre selbst zu denen, die nach dem Zweiten Weltkrieg Essen und Medikamente bekommen haben“, sagte sie bei ihrem Antritt.

    Bei Amerikas Superstar Angelina Joliesollen die Dreharbeiten zu Lara Croft: Tomb Raider (2001) im zu großen Teilen verminten Kambodscha die Motivation für ihr Engagement gewesen sein. Im Jahr 2012 wurde Jolie als Sondergesandte des UN-Flüchtlingskommissars benannt, was eine Repräsentation auch auf diplomatischen Level bedeutet. Zuvor hatte die Schauspielerin bereits über zehn Jahre als UNHCR-Sonderbotschafterin über 40 Krisenregionen besucht.

    Im Jahr 2016 wurde eine ehemalige Gefangene des IS, die 23-jährige jesidische Menschenrechtsaktivistin Nadia Murad Basee Taha, zur UN-Sonderbotschafterin für die Würde der Überlebenden von Menschenhandel. In ihrer Rolle soll Murad vor allem auf das Leid der zahllosen Opfer von Menschenhandel aufmerksam machen, darunter besonders Flüchtlinge, Frauen und Mädchen. Unterstützt wird sie dabei von der britisch-libanesischen Anwältin Amal Clooney.

    Die Schauspielerin Emma Watson spricht seit 2016 als Sonderbotschafterin für Frauenrechte. Ihre Antrittsrede war nicht unumstritten: „Feminismus ist qua Definition die Überzeugung, dass Männer und Frauen gleiche Rechte und Möglichkeiten haben sollten.“

    Aischa al-Gaddafi, Tochter von Muammar al-Gaddafi, wurde 2009 Ehrenbotschafterin, sie sollte sich gegen die Unterdrückung von Frauen in der arabischen Welt einsetzen. Während des libyschen Bürgerkrieges 2011 wurde die Zusammenarbeit beendet. Katharina Schmitz

    Hosseinis jüngstes Werk ist eine Kurzgeschichte mit dem Titel Sea Prayer – zu Deutsch: Gebet am Meer –, die er in Zusammenarbeit mit dem UNHCR und dem Guardian in ein Virtual-Reality-Kunstfilmprojekt umgesetzt hat. Der Text ist eine Art Monolog aus Sicht eines syrischen Vaters, der am Vorabend der Überfahrt nach Europa mit seinem schlafenden Sohn spricht und voller Ohnmacht nur beten kann, dass das gewaltige Meer sie sicher ankommen lässt.

    Zu dieser Geschichte inspiriert hat den Schriftsteller das Foto von Aylan Kurdi, dem dreijährigen syrischen Flüchtlingsjungen, der 2015 ertrank, nachdem das Boot, auf dem er Europa erreichen sollte, gesunken war. Als sein lebloser Körper an die türkische Küste gespült wurde, erregten die schockierenden Bilder weltweit großes Aufsehen. Sie machten den Jungen zu einem tragischen Symbol für die Krise in Syrien. Seit Kurdis Tod sind mindestens 8.500 weitere Menschen auf der Flucht im Mittelmeer ertrunken.

    „Als ich das Foto sah, musste ich daran denken, wie viel unsichtbare Arbeit dazu gehört, ein Kind großzuziehen“, sagt Hosseini. „All die kleinen Sorgen, die heimlichen Ängste; dafür zu sorgen, dass Kinder haben, was sie brauchen; dafür zu sorgen, dass sie richtig essen, dass sie geimpft sind, dass ihnen ihre Sachen passen, dass sie sich nicht unwohl fühlen, dass sie gut schlafen, dass sie genug Vitamine kriegen. Und dann stelle ich mir vor, wie es ist, wenn man diesen Menschen – in den man all diese Liebe gesteckt hat und all diese Leidenschaft und all diese Arbeit – daliegen sieht, seinen Körper am Strand mit dem Gesicht nach unten ...“ Und dann versiegt Hosseinis Stimme.

    Für den siebenminütigen Virtual-Reality-Film hat die britische Künstlerin Liz Edwards Sea Prayer mit Hilfe der 3D-Software Tilt Brushin ein immersives Gemälde umgesetzt. Während die Geschichte erzählt wird, entsteht nach und nach durch schwungvolle Striche und farbige Kleckse und Flächen das Bild. Den Text liest der preisgekrönte britische Schauspieler Adeel Akhtar. Begleitet werden die Bilder von der eigens komponierten Musik des iranisch-amerikanischen Komponisten Sahba Aminikia, gespielt vom britischen Musiker David Coulter und dem US-amerikanischen Kronos Quartet.

    Beim Lesen – und Anschauen – von Sea Prayer hat mich nicht nur die Schönheit des Textes berührt, sondern auch die Vergeblichkeit, die er repräsentiert. Der Vater fleht das Meer an, aber das Meer kann oder wird ihm nicht antworten. Ich frage Hosseini, ob er optimistisch bleibt, selbst nachdem er einen Großteil der vergangenen zehn Jahre eng mit den dunkelsten Aspekten der Menschheit zu tun hatte.

    „Wenn ich nicht daran glaube oder darauf vertraue, dass unsere Arbeit etwas bewegen kann, würde das bedeuten, ein sehr zynisches Weltbild zu haben. Das ist für mich kein produktiver Ansatz, sein Leben zu führen“, erklärt er. „In einer derartigen Welt wäre das Spiel wirklich vorbei. So besteht zumindest die Hoffnung, dass jemand von diesen Geschichten angesprochen wird.“

    Hosseinis Hoffnung ist – trotz ihrer Beschränkungen – beeindruckend. Es ist eine Sache, optimistisch zu sein, wenn man in einem behaglichen Zuhause in einem Land sitzt, das nicht richtig im Krieg ist. Anders sieht es aus, wenn man reist und mit Menschen zusammensitzt, die nur knapp unaussprechlicher Finsternis entronnen sind, und trotzdem daran glaubt, dass man etwas tun muss und kann, um etwas zu verändern. Egal wie wenig es ist.

    Carvell Wallace ist Schriftsteller, er lebt in Oakland, Kalifornien

    Übersetzung: Carola Torti

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  3. Sammelwut | Alle meine Ängste, mein Sex
    Eine Journalistin bat Tinder um alle ihre gespeicherten Daten. Sie bekam 800 Seiten, die intimste Geheimnisse enthalten

    Am Mittwoch, den 18. Dezember 2013, um 21.24 Uhr habe ich im 2. Pariser Arrondissement das Wort „Hallo!“ an mein allererstes Tinder-Match geschickt. Seither habe ich die Dating-App 920 Mal benutzt und wurde mit 870 Leuten „gematcht“. An einige von ihnen erinnere ich mich sehr gut: an die, mit denen ich etwas hatte, an die, die Freunde wurden, oder auch an die furchtbaren ersten Dates. Alle anderen habe ich vergessen. Im Gegensatz zu Tinder.

    Die Dating-App besitzt hunderte Seiten Informationen über mich und wahrscheinlich auch über alle anderen, die zu ihren 50 Millionen Usern gehören. Im März forderte ich bei Tinder meine gespeicherten persönlichen Daten an. Nach dem EU-Datenschutzgesetz hat jeder EU-Bürger dazu das Recht, auch wenn es laut Tinder nur sehr wenige nutzen.

    Ich ließ mich von dem Datenschutz-Aktivisten Paul-Olivier Dehaye von der Organisation personaldata.io und einem Anwalt für Menschenrechte, Ravi Naik, beraten. Dann schickte ich Tinder die E-Mail. Was ich bekam, war weitaus mehr, als ich erwartet hatte. Rund 800 Seiten, die meine Facebook-„Likes“ enthielten, meine Instagram-Fotos (obwohl ich den Account gelöscht hatte), meinen Bildungsstand; wie alt die Männer sein sollen, für die ich mich interessiere; wie oft ich Tinder genutzt habe; wann und wo jede einzelne Online-Konversation mit jedem meiner Matches vonstatten ging ... und das ist längst nicht alles.

    „Ich bin entsetzt, aber keineswegs überrascht über diese Datenmenge“, sagte mir Oliver Keyes, Datenwissenschaftler an der Universität Washington. „Jede App, die man regelmäßig auf dem Handy benutzt, besitzt die gleiche Art von Informationen. Facebook hat tausende Seiten über Sie!“

    Während ich die 800 Seiten einzeln durchblätterte, fühlte ich mich schuldig. Ich war überrascht, wie viele Informationen ich freiwillig preisgegeben hatte: von Orten, an denen ich gewesen bin, meinen Interessen und Jobs über Bilder und Musikgeschmack bis dazu, was ich gerne esse. Aber schnell fand ich heraus, dass ich damit nicht alleine bin. „Man wird dazu verführt, all diese Informationen preiszugeben“, erklärte mir der auf digitale Technologie spezialisierte Soziologe Luke Stark von der Universität Dartmouth. „Apps wie Tinder nutzen ein einfaches emotionales Phänomen. Wir können Daten nicht fühlen. Das ist der Grund dafür, dass Sie diese bedruckten Seiten betroffen machen. Wir sind physische Wesen. Wir brauchen etwas, das man sehen oder anfassen kann.“

    Bist du schön? Sie wissen es

    Die 1.700 Tinder-Nachrichten zu lesen, die ich seit 2013 verschickt habe, war wie eine Reise durch meine Hoffnungen, Befürchtungen, sexuellen Vorlieben und tiefsten Geheimnisse. Tinder kennt mich so gut. Die App weiß um die wahre, unrühmliche Version meiner selbst, die denselben Witz per copy-and-paste an Match 567, 568 und 569 geschickt hat; oder die am Neujahrstag zwanghaft mit 16 Leuten gleichzeitig Kontakt aufnahm und sie danach alle 16 wieder löschte.

    „Was Sie beschreiben, nennt man sekundäre, implizit preisgegebene Informationen“, erfuhr ich von Alessandro Acquisti, Professor für Informationstechnologie an der Carnegie-Mellon-Universität. „Durch die Analyse Ihres Verhaltens weiß Tinder noch viel mehr über Sie. Tinder weiß, wie oft Sie die App nutzen und zu welchen Zeiten; die Prozentzahl der weißen, schwarzen und asiatischen Männer, mit denen Sie gematcht wurden; welche Art Leute Sie interessant findet; welche Worte Sie am häufigsten benutzen; wie lange sich Leute Ihr Foto angucken, bevor sie sich für einen positiven oder negativen „Swipe“ entscheiden, und so weiter. Personenbezogene Daten sind der Treibstoff der Wirtschaft. Verbraucherdaten werden für die Werbung gehandelt und weitergegeben.“

    In Tinders Geschäftsbedingungen steht klar und deutlich, dass die Daten der Nutzer verwendet werden können, um „zielgerichtete Werbung“ zu platzieren. Aber was passiert, wenn dieser Datenschatz gehackt wird oder veröffentlicht oder schlicht von einem anderen Unternehmen gekauft? Fast kann ich körperlich spüren, wie peinlich das wäre. Allein die Vorstellung, dass jemand bei Tinder die 800 Seiten über mich vor dem Verschicken gelesen haben könnte, ist mir extrem unangenehm.

    Zugegeben, in Tinders Geschäftsbedingungen steht deutlich: „Sie sollten nicht davon ausgehen, dass persönliche Informationen, Chat- und andere Kommunikationsinhalte immer sicher sind.“

    Im Mai wurden mit Hilfe eines Algorithmus 40.000 Profilbilder auf Tinder zusammengesucht, um eine künstliche Intelligenz zu entwickeln, die Gesichter nach Gender einordnen soll. Einen Monat zuvor waren 70.000 Profile der Dating-Plattform OkCupid (die ebenfalls zu Tinders Mutterunternehmen Match Group gehört) von einem dänischen Wissenschaftler öffentlich gemacht worden, den Kritiker als „Verfechter der Überlegenheit der Weißen“ bezeichnen. Er benutzte die Daten, um eine Beziehung zwischen Intelligenz und religiösem Glauben herzustellen. Die Daten sind immer noch da draußen.

    Aber wozu braucht Tinder überhaupt diese ganzen Informationen? „Wir wollen das Angebot auf jeden unserer User auf der ganzen Welt persönlich zuschneiden“, erklärt Tinder auf Anfrage. „Um diese persönliche Auswertung zu erreichen, sind unsere Matching-Instrumente sehr dynamisch und beziehen sehr viele Faktoren mit ein, bevor mögliche Matches angezeigt werden.“ Leider war die Dating-App wenig mitteilsam, als ich wissen wollte, wie genau diese Matches mit Hilfe meiner Daten entstehen. „Unsere Matching-Instrumente sind ein Kernbestandteil unserer Technologie und unser geistiges Eigentum, und wir können darüber keine Informationen herausgeben“, lautete die Begründung.

    Das Problem ist, dass die 800 Seiten mit meinen höchst intimen Daten nur die Spitze des Eisbergs sind. „Ja, die persönlichen Daten beeinflussen, wen man zuerst auf Tinder zu sehen bekommt“, bestätigt Dehaye. „Aber sie beeinflussen auch, zu welchen Job-Angeboten man auf LinkedIn Zugang erhält, wie viel man für eine Kfz-Versicherung zahlt, welche Anzeige man in der U-Bahn sieht und ob man einen Kredit bekommt.“ Laut Dehaye ist das erst der Anfang: „Die Tendenz geht hin zu einer zunehmend undurchsichtigen Gesellschaft, in der die gesammelten Daten noch größere Aspekte des Lebens bestimmen werden. Irgendwann wird unsere ganze Existenz davon beeinflusst sein.“

    Als typische Millennial hänge ich ständig am Handy. Mein virtuelles und mein echtes Leben sind komplett verschmolzen. Tinder ist mein Weg, Leute kennenzulernen, also meine Realität. Es ist eine Realität, die kontinuierlich von anderen beeinflusst wird. Wer herausfinden will, wie das funktioniert, dem kann ich nur viel Glück wünschen.

    Judith Duportail ist eine französische Journalistin, die in Berlin lebt

    Übersetzung: Carola Torti

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  4. Medizin | Die Antibiotika-Apokalypse
    Immer mehr Keime sind Antibiotika-resistent. Operationen, die heute noch zur Routine gehören, könnten schon bald nicht mehr durchzuführen sein

    Immer öfter sind Bakterien resistent gegen Antibiotika, zunehmend auch gegen Colistin, das häufig als letzte Hoffnung gilt. Auf diesen besorgniserregenden Trend machten kürzlich Wissenschaftler bei einer Veranstaltung der American Society for Microbiology aufmerksam. Das für die Colistin-Resistenz verantwortliche Gen mcr-1 wurde erst vor 18 Monaten entdeckt und hat sich seitdem alarmierend schnell weltweit verbreitet. In einer Region von China tragen bereits 25 Prozent der Krankenhauspatienten das Gen in sich. Colistin gilt häufig als letzte Rettung. In vielen Teilen der Welt greifen Ärzte danach, weil bei Patienten keine anderen Mittel mehr anschlagen. Jetzt aber breitet sich die Resistenz gegen den Wirkstoff über den Globus aus.

    „Die Welt steht vor einer Antibiotika-Apokalypse“, formuliert es Englands oberste Gesundheitsbeauftragte Sally Davies. Die Veränderung des gegenwärtigen Einsatzes der Medikamente, der der Entwicklung von Resistenzen Vorschub leistet, sei ebenso notwendig wie die Entwicklung neuer Antibiotika-Typen. Andernfalls, so warnt Davies, könne die Welt in Zeiten zurückgeworfen werden, als Routine-Operationen, einfache Wunden oder unkomplizierte Infektionen lebensgefährlich werden konnten.

    Diese beunruhigende Aussicht ist eins der zentralen Themen des Weltgesundheitsgipfels in Berlin, der vom 15. Bis 17. Oktober in Berlin stattfindet. Die internationale Konferenz bringt Wissenschaftler, Vertreter des Gesundheitssystems, Pharma-Chefs und Politiker zusammen. Gesucht werden Maßnahmen, die möglichst schnell der Ausbreitung von Multiresistenz entgegenwirken, einem Trend, der derzeit droht, den Medizinern viele der wichtigsten Waffen in ihrem Kampf gegen Krankheiten zu nehmen.

    Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Nach Angaben der Konferenz-Organisatoren sterben jährlich 700.000 Menschen an Infektionen mit behandlungsresistenten Keimen. Die Zahl wächst weltweit und könnte 2050 schon jährlich eine Million erreichen. Damit, so warnen die Forscher, sei Antibiotikaresistenz eine der größten Gefahren für die Menschheit in der jüngeren Geschichte. In einer Welt multiresistenter Bakterien wären viele Aspekte der modernen Medizin schlicht nicht mehr möglich. Ein Beispiel ist die Transplantations-Chirurgie. Während einer Operation muss das Immunsystem der Patienten unterdrückt werden, damit das neue Organ nicht abgestoßen wird. Aber das macht Patienten anfällig für Infektionen. Daher nutzen Ärzte Krebs-Medikamente, um das Immunsystem zu unterdrücken. Aber die könnten in Zukunft nicht mehr wirken.

    Auch einfacherer Standard-Eingriffe wie Bauch- oder Blindarmoperationen können zum Problem werden. Ohne den Schutz von Antibiotika könnten Patienten leicht an Bauchfellentzündung oder anderen Infektionen sterben. Das Risiko medizinischer Eingriffe wäre wieder so groß wie vor der Zeit, als Alexander Fleming 1928 Penicillin entdeckte. „Auch chirurgische Standardoperationen, der Einsatz künstlicher Gelenke, Kaiserschnitte und Chemotherapie sind abhängig vom Einsatz von Antibiotika und damit ebenso gefährdet“, erklärte Jonathan Pearce, Leiter der Infektions-Abteilung des britischen Forschungsinstituts Medical Research Council. „Gewöhnliche Infektionen könnten uns wieder töten.“

    Gründe für die wachsende Bedrohung sehen die Wissenschaftler im weit verbreiteten Missbrauch und übermäßigen Gebrauch von Antibiotika und anderen Medikamenten, aber auch im Versagen der Pharma-Unternehmen, neue Quellen für zukünftige Medizin zu entwickeln. In der westlichen Welt verschreiben Ärzte zu häufig Antibiotika an Patienten, die bei jeder Beschwerde ein Medikament erwarten. Zudem benutzen in vielen Ländern Viehbauern und Fischfarmer Antibiotika zur Wachstumssteigerung und geben sie wahllos allen ihren Tieren. Diese Agrarpraxis führt insbesondere in Asien dazu, dass Antibiotika mit alarmierenden Folgen in große und kleine Flüsse einsickern.

    „Während der Pilgerzeit enthält der Ganges manchmal so viel Antibiotika, wie wir es im Blut eines Patienten zu erreichen versuchen“, berichtet Sally Davies. „Das ist sehr, sehr beunruhigend.“ Die Mischung aus Wasser mit hohem Antibiotika-Gehalt und Ufern mit medikamenten-getränkter Erde ist ideal für die Entstehung von „Supererregern“. In Nutztieren, die in einem solchen künstlichen Umfeld leben, wachsen seltene, Antibiotika-resistente Bakterien heran, und verbreiten sich dann als hochwirksame Infektionsüberträger, die überraschend schnell auf der ganzen Welt zu finden sind. Ein Beispiel dafür ist Tuberkulose: Früher leicht behandelbar kostet ihre moderne multiresistente Form – die sogenannte MDR-TB – jährlich 190.000 Menschen das Leben.

    Noch bezeichnender ist das Beispiel Colistin. „Colistin wurde in den 1950ern entwickelt“, erklärt Matthew Avison, Dozent für Molekularbiologie an der Universität Bristol. „Wegen seiner toxischen Nebenwirkungen lehnten viele Ärzte Colistin ab. Daher wurde der Wirkstoff zunächst für die Behandlung von Tieren eingesetzt. Erst angesichts der Zunahme der Resistenzen – bei Menschen - gegen andere Antibiotika griffen die Humanmediziner auf Colistin zurück, frei nach dem Motto: besser als gar nichts.“

    Aber zu diesem Zeitpunkt hatte der weitverbreitete Einsatz des Antibiotikums zur Wachstumsförderung bei Geflügel und Schweinen in Asien bereits die Entwicklung resistenter Erregerstämme unterstützt, die sich mittlerweile auf Menschen übertragen haben. „Erst haben wir den Wirkstoff Colistin als unbrauchbar verworfen und den Tierärzten überlassen; und plötzlich erwarten wir, dass wir ihn einfach wieder für uns nutzen können“, erklärte Avison. „Aber der böse Geist ist bereits aus der Flasche.“ Der amerikanische Antibiotika-Forscher Lance Price bringt es auf den Punkt: „Multiresistente Supererreger nehmen zu, weil wir nicht aufhören, wertvolle Medizin durch übermäßigen Einsatz in der Humanmedizin und als billige Produktionshilfe in der landwirtschaftlichen Tierhaltung zu verschwenden.“

    In Asien gibt es mittlerweile Verbote für die landwirtschaftliche Nutzung von Antibiotika wie Colistin, aber das kam viel zu spät, um effektiv zu sein. Der britische Ökonom Jim O’Neill, der im vergangenen Jahr einen Bericht zu antimikrobieller Resistenz für die britische Regierung verantwortet hat, wird als Redner beim Gipfel in Berlin erwartet. Er bestätigt das Problem: „Bei der Zusammenstellung des Bericht gingen wir davon aus, dass das Thema Colistin-Resistenz uns noch einige Zeit lang nicht betreffen wird. Jetzt stellen wir fest, dass sie schon weit verbreitet ist.“

    O’Neills Bericht enthält Vorschläge, die verhindern sollen, dass multiresistente Keime das Gesundheitssystem erschüttern. Insbesonders wird gefordert, dass Medikamente-Hersteller die Entwicklung neuer Antibiotika bezahlen und Patienten sie nicht ohne einen Test bekommen sollen, der sicherstellt, dass sie sie wirklich brauchen. „Es ist unglaublich, dass Ärzte heute immer noch Antibiotika auf der Basis ihrer spontanen Einschätzung der Symptome eines Patienten verschreiben müssen. Das ist keinen Schritt weiter als in den 1950er Jahren, als Antibiotika allgemein zugänglich wurden“, heißt es in O’Neills Bericht. Oberste Priorität fordert er daher für die Entwicklung von Schnelldiagnosetests, die feststellen, ob ein Patient ein Antibiotikum benötigt, und wenn, dann welches.

    Dieser Vorschlag – der auf dem Weltgesundheitsgipfel zu debattieren sein wird – ist sehr populär, auch wenn Alastair Hay, Professor an der Universität Bristol, zu Vorsicht rät: „Es ist eine sehr gute Idee, aber wir müssen berücksichtigen, dass eine solche neue Art Test für unser bereits jetzt überlastetes Gesundheitssystem zusätzliche Zeit und Arbeit bedeutet.“ Reisen sei eins der größten Probleme bei der Verbreitung multiresistenter Keime, erklärte Davies, die sich in Großbritannien federführend für den Kampf gegen die Resistenz-Entwicklung stark macht. „Eine schwedische Studie begleitete eine Gruppe junger Backpacker, die verschiedene Teile der Weltbereiste. Vor ihrer Abreise hatte keiner der Rucksackreisenden resistente Bakterien im Darm. Nach der Rückkehr zeigte sich, dass jeder vierte von ihnen resistente Keime aufgeschnappt hatte. Das zeigt, wie allgegenwärtig das Problem ist, vor dem wir stehen“, erklärte sie.

    Tourismus, persönliche Hygiene, Landwirtschaft, medizinische Praxis – all diese Bereiche sind vom Thema Antibiotikaresistenz betroffen. Und es wird Aufgabe des anstehenden Weltgesundheitsgipfels sein, die effektivsten und schnellsten Lösungen für die Krise aufzuzeigen. „Letztlich ist die Bedrohung durch Antibiotika-resistente Bakterien für den Planeten ein lösbares Problem“, urteilt O’Neill. „Die Menschen müssen nur ihr Verhalten ändern. Wie sich das erreichen lässt, ist natürlich nicht so einfach zu beantworten.“

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  5. China | Ostwind obsiegt
    Mit dem Projekt der neuen Seidenstraße könnte sich eine alte Prophezeiung Mao Zedongs erfüllen

    Zu Beginn des Jahres fuhr der erste Güterzug auf direktem Weg aus China kommend in ein Depot des Ostlondoner Bezirks Barking, um dort entladen zu werden. Die Waggons mit Containern trugen sämtlich den Namen Ostwind, sie hatten eine mehr als 12.000 Kilometer lange Strecke zurückgelegt und in 16 Tagen acht Länder durchfahren. Das heißt, dieser Zug brauchte die Hälfte der Zeit, die der Transport auf dem Seeweg gedauert hätte. Wenige Wochen später war das rollende Material wieder auf der Rückfahrt und brachte schottischen Whisky, Medikamente und medizinisches Equipment auf die Großhandelsmärkte von Yiwu an der chinesischen Ostküste. Im Vorjahr kamen 1.702 Güterzüge aus China in Europa an, doppelt so viele wie 2015, inzwischen sind weitere Verbindungen erschlossen.

    Ostwind, der Name des Zuges wie der Waggons, geht auf die berühmten Worte Mao Zedongs zurück: „Entweder der Ostwind obsiegt über den Westwind oder der Westwind obsiegt über den Ostwind“, insistierte er im Jahr 1957. Sechs Jahrzehnte später tut Chinas Führung ihr Bestes, damit der Ostwind weiter kräftig weht. Was an Zügen durch Eurasien rollt, ist Teil des Versuchs, für eine neue transkontinentale Seidenstraße zu sorgen, inspiriert von jener antiken Handelsroute, auf der einst Karawanen Steppen und Wüsten Zentralasiens unterwegs nach Westen durchquerten. Das Projekt soll Einfluss und Renommee Chinas zugutekommen und durch den Bau von Autobahnen, Zugtrassen wie Häfen ermöglichen, dass buchstäblich alle Wege nach Peking führen.

    Antikes Vorbild

    Die neue Seidenstraße wäre sowohl geografisch als auch ökonomisch von anderer Dimension als ihr antikes Vorbild, dessen Routen hauptsächlich über Land verliefen und allein dem Handel dienten. Die jetzige Version umfasst an Land den Bau einer neuen Transport-Infrastruktur und von Industriekorridoren, die sich durch Zentralasien über den Nahen Osten bis nach Europa erstrecken. Zu Wasser umfasst sie neue Häfen und Schifffahrtslinien durch das Südchinesische Meer in den Südpazifik und durch den Indischen Ozean bis ins Mittelmeer. In Peking spricht man von etwa 60 Ländern, die angeschlossen sein wollen, doch existiert keine definitive Liste. Bei dem, was es gibt, handelt es sich eher um eine Art diplomatischer Kurzschrift, die chinesische Finanzhilfen, Investitionen und Bauprojekte in Entwicklungsländern weltweit erfasst. Keine Frage, Präsident Xi Jinping treibt das Projekt entschieden voran. Seit fünf Jahren ist er darum bemüht, Chinas internationalen Einfluss zu vergrößern. Die Seidenstraße ist Teil seines „chinesischen Traums“, den er schon 2012 bei seinem ersten öffentlichen Auftritt als Generalsekretär der Kommunistischen Partei vorstellte.

    Bisherige Trassen der neuen Seidenstraße

    Karte: Susann Massute für der Freitag (JPG)

    Zuletzt beschwor Xi diese Vision beim Besuch des Nationalmuseums auf dem Tiananmen-Platz. Die Exposition dort war den sechs Jahrzehnten des chinesischen Sozialismus gewidmet, der dem Land nach einem „Jahrhundert der Erniedrigung“ wieder Wohlstand gebracht habe, so Xi. Er versprach, „die große Verjüngung des chinesischen Volkes“ zu verwirklichen. Gemeint ist die kommunistische Spielart von „Make China great again“.

    Ein Netz ohne Entkommen

    Mitte Oktober trifft sich die Parteiführung mit 2.300 Delegierten zum XIX. Parteikongress, um festzulegen, wer das Land die kommenden fünf Jahre und darüber hinaus regiert. Xi scheint seinen Führungsanspruch festigen zu wollen. Er kann für sich geltend machen, dass China heute international mehr Respekt genießt als bei seinem Antritt als KP-Generalsekretär vor gut fünf Jahren. Ermutigt durch die unter Donald Trump schwächer werdenden USA setzt er auf die Rückkehr zu einer historischen Dominanz seines Landes in der asiatisch-pazifischen Region.

    Die neue Seidenstraße dient dem Zweck, Transportwege, Pipelines und Kraftwerke anzubieten, um so ein Netz ökonomischer Abhängigkeiten zu spinnen, aus dem es so schnell kein Entkommen mehr gibt. Nur können unterentwickelte Länder der Aussicht schwerlich widerstehen, die vielbenötigte Infrastruktur zu erhalten. Passstücke der Seidenstraße wie Überlandrouten für den Güterverkehr von China nach Europa (s. Karte) sind bereits fertig. Die staatlichen Direktinvestitionen belaufen sich seit 2015 chinesischen Angaben zufolge auf 30 Milliarden Dollar, während chinesische Unternehmen Bauverträge im Wert von 189 Milliarden Dollar im Portfolio haben und 145 Milliarden für in 60 Ländern erbrachte Leistungen einnahmen. Zuweilen ist das an einen erheblichen Sicherheitsaufwand gebunden, wenn allein in Pakistan etwa 14.500 Wachleute gebraucht werden. Sie schützen 7.000 chinesische Arbeiter, die derzeit den Wirtschaftskorridor nach Nordwestchina bauen. Das mit diesem Kordon nicht übertrieben wird, zeigte sich im Mai, als zwei Chinesisch-Lehrer in Quetta entführt und ermordet wurden – sie waren als Sprachmittler in einem entlegenen, aber wichtigen Teil des Korridors eingesetzt. Dabei ist Pakistan ein chinafreundlicher Staat, anders als Vietnam oder Indien, die sich traditionell feindselig verhalten. Delhi hat von chinesischen Firmen in Sri Lanka und Pakistan gebaute Häfen als „Brückenköpfe einer Expansion“ verurteilt. Diese Terminals gehörten zu „einer Perlenschur, die sich um den Hals von Mutter Indien legt“. Die Gefahr eines Konflikts zwischen den beiden asiatischen Großmächten hat auch das neunte Treffen der BRICS-Staaten – Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika – überschattet, das während der vergangenen Woche in der chinesischen Hafenstadt Xiamen stattfand. Auch wenn das dortige Treffen zwischen Xi und Indiens Premierminister Narendra Modi die Spannungen gemindert hat, bleibt die geostrategische Rivalität bestehen.

    In anderen Teilen Asiens zahlt sich Chinas Infrastruktur-Diplomatie aus, so etwa auf den Philippinen, deren Präsident Rodrigo Duterte im Vorjahr mit einem Investitions- und Handelspaket im Wert von 24 Milliarden Dollar von einem Peking-Besuch nach Hause kam, nachdem er erklärt hatte, sein Land werde die Bindung an die USA lockern. Auch Malaysia wurde bedacht, seit sich Regierungschef Najib Razak zum „wahren Freund Chinas“ erklärt hat und ein Abkommen mit einem Finanzvolumen von 34 Milliarden Dollar zustande kam. Auch kleine Länder wie Kambodscha und Tadschikistan sind in Peking gefragt und darauf angewiesen, dass China ihnen wichtige öffentliche Güter liefert.

    Fraglos steigt der geopolitische Einfluss der Volksrepublik. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren die USA die Hegemonialmacht im asiatisch-pazifischen Raum. Unmittelbar nach Trumps Amtsantritt Ende Januar spielte es China jedoch in die Karten, dass der US-Präsident das Transpazifische Handelsabkommen (Trans-Pacific Partnership/TPP), an dem China nicht beteiligt war, kündigen ließ. Der Vorgang war geeignet, den Einfluss Washingtons in der Region zu schwächen, war doch TPP von der Obama-Administration ausdrücklich lanciert worden, um die wirtschaftliche Präsenz der USA in Asien zu Lasten Chinas auszudehnen. Längt bemüht sich Peking um ein alternatives Abkommen, an dem man selbst, nicht aber die Vereinigten Staaten, teilhat.

    Während die unter Trump stark mit sich selbst beschäftigt sind, versucht ein mit neuem Selbstvertrauen ausgestattetes China an Terrain zu gewinnen. Zu Beginn des Jahres drängte Parteichef Xi Delegierte in Peking auf einem Forum zur neuen Seidenstraße, Amerikas Protektionismus zurückzuweisen und eine Version des Welthandels zu bejahen, die Chinas Publicity als „Globalisierung 2.0“ anpreist. Auch wenn daran vieles Rhetorik ist, verkörpert Xi Jinping ernsthafte Diplomatie. 30 Regierungschefs waren auf diesem Forum vertreten – nicht ganz so viele, wie Peking gehofft hatte, aber genug, damit sich Xi als distinguierter Staatsmann von internationalem Rang darstellen konnte. Auch wenn ihm bewusst sein dürfte, dass noch viel diplomatische Kärrnerarbeit zu leisten ist, da bislang nur ein paar der potenziellen Partnerstaaten an das Mantra glauben, es gehe stets um den gegenseitigen Vorteil. Einfach gesagt: Man traut China nicht. Doch ist dessen nüchterne Wirtschaftsdiplomatie weitaus unerschrockener, zukunftsorientierter und pragmatischer als alle Alternativen. Unter Trump verfügen die USA über keine kohärente Asien-Politik mehr und werden nicht länger als verlässlicher Player angesehen, noch nicht einmal von den regionalen Verbündeten. Japan investiert zwar viel in der Region, aber seine Wirtschaftskraft wird von der Chinas in den Schatten gestellt. Es fehlt Tokio schlichtweg die Finanzkraft, um mit Peking zu konkurrieren.

    Aus europäischer Perspektive scheint Chinas asiatisches Machtspiel weit entfernt. Wenn die Seidenstraße ein paar Container mit billigen Konsumgütern mehr in EU-Länder bringt, ist das gewiss auf der Habenseite zu verbuchen. Sollte China mit seiner Wirtschaftsdiplomatie allerdings global Erfolg haben, wird die EU davon ganz anders tangiert sein, als das bisher der Fall war. Wie sich am Beispiel des Verlags der renommierten Cambridge University in diesem Sommer nur zu deutlich zeigt, führt wirtschaftlicher Einfluss zu profunder Macht. Nur ein internationaler Aufschrei hinderte Großbritanniens ältesten Wissenschaftsverlag daran, Pekings Bitte um Löschung von 300 politisch sensiblen Artikeln zu entsprechen. Der ökonomische Druck auf den Westen, derartigem Verlangen aus Peking zu genügen, wird kaum nachlassen. Wie gesagt, Mao Zedong sagte voraus, dass der Ostwind schließlich über den Westwind obsiegen werde. Wenn seine Prophezeiung zutrifft, wird man das demnächst zu spüren bekommen.

    Tom Miller ist Guardian-Autor und hat das Buch China’s Asian Dream: Empire Building Along the New Silk Road geschrieben

    Übersetzung: Holger Hutt

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