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Montag, 20. November 2017

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Wirf deine Angst in die Luft

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Alanus Hochschule

Hartmut Kraft, geboren 1949, Psychoanalytiker, Lehranalytiker und ärztlicher Psychotherapeut in eigener Praxis wurde zum Honorarprofessor der Alanus Hochschule ernannt. Der festliche Akt fand im Rahmen des Symposiums „Wirf deine Angst in die Luft! Zum künstlerischen Umgang mit Angst" statt, das Gabriele Oberreuter und Willem-Jan Beeren zusammen mit der Bonner Kunsthistorikerin Martina Padberg initiiert und ausgerichtet hatten und das auf große Resonanz stieß.

Hartmut Kraft, Autor diverser Veröffentlichungen zu Grenzgebieten zwischen Psychoanalyse, Kunst und Ethnologie, widmete sich in seinem anschließenden Vortrag, den er mit dem Beuys-Zitat „Kunst ist ja Therapie“ betitelte, dem Aspekt der Wandlungskrisen und deren künstlerischer Gestaltung.

Herr Dr. Kraft, Sie haben in Ihrer Antrittsvorlesung als Honorarprofessor die Möglichkeit einer gestärkten neuen Identität nach Durchleben einer dramatischen – unter Umständen lebensbedrohlichen – persönlichen Krise am Beispiel von Joseph Beuys erläutert. Lassen sich Ihre Beobachtungen zu solchen ‚PlusHeilungen’ von Individuen auf einen gesellschaftlichen Organismus, z.B. eine Hochschule, übertragen?

Begriffe und Konzepte der Individualpsychologie auf Gruppen und Institutionen zu übertragen, ist immer riskant. Trotz dieser generellen Einschränkung erscheint mir dies hinsichtlich von „Wandlungskrise“ möglich. „Zwei Seelen kämpfen, ach, in meiner Brust“, hat Goethe gesagt. In Institutionen wie einer Hochschule können es leicht noch mehr  Seelen / Gruppen sein. Wenn die Intentionen, Ziele, Überzeugungen der Personen oder Gruppen nicht mehr zueinander passen, kommt es zu Diskussionen, Auseinandersetzungen, vielleicht sogar Kämpfen. Der Ausgang ist ungewiss – auf eine „PlusHeilung“ ist natürlich zu hoffen. Dabei verstehe ich unter dem individualpsychologischen Begriff „PlusHeilung“ einen Zustand, der an Kompetenz und Stabilität über den zuvor bestehenden deutlich hinausgeht, also einen Zugewinn darstellt.

Eine Hochschule ist ein Ort der Ausbildung, von der man sich im Idealfall positive Weichenstellungen für das berufliche, aber auch persönliche Leben erhofft. Welche Impulse aus Studientagen, abgesehen vom allgemeinen Lehrstoff, prägen Sie bis heute?

Die Freiheit, meinen Lehrstoff teilweise, mein Lerntempo und meine Schwerpunkte insgesamt selbst bestimmen zu können. Als Student der Medizin hat mir außerdem die Breite der Lehrangebote gefallen, die von der Anatomie bis zur Chirurgie und von Inneren Medizin bis zur Psychiatrie reichte. Wichtig waren mir auch die langen Semesterferien, in denen ich mich vermehrt meinen künstlerischen Interessen widmen und vor allem malen konnte.

Welche eigenen Anregungen würden Sie gerne in die Hochschule tragen – und welche erhoffen Sie sich selbst für Ihre Arbeit und möglicherweise für Ihre jetzige Lebensphase?

Mir geht es um das Verständnis, um die Analyse der Beziehungen zwischen Künstler,  Kunstwerk und Betrachter.  Gerade aus dem Blickwinkel der Psychoanalyse interessiert mich zu verstehen, welche inneren, ganz persönlichen Themen ein Künstler in seinem Werk ausdrückt, ausdrücken muss – und wie ein Betrachter davon zu eigenen Reaktionen angeregt wird. Das ist mein Thema der letzten Jahrzehnte als Psychoanalytiker und Autor. Hier an der Hochschule fasziniert mich die Möglichkeit, diese Themen an der Basis, am Ort der Entstehung und Entwicklung von Kunstwerken mit jungen Künstlern zu reflektieren. Diese Möglichkeit hatte ich als niedergelassener Psychoanalytiker in meiner Praxis nur selten.

Sie interessieren sich stark für Zwischenräume oder Begegnungsfelder verschiedener Disziplinen. Der Titel eines Ihrer Bücher, das als ein Standardwerk zu dieser Thematik gilt, heißt Grenzgänger zwischen Kunst und  Psychiatrie. Man darf Sie selbst als Grenzgänger – oder Entgrenzer? -  bezeichnen. Woher rührt dieses Interesse?

Soweit ich mich zurückerinnern kann, habe ich gemalt und gezeichnet. Als es dann um die Entscheidung für ein Studium ging, war ich kritisch genug, mich zu fragen, ob ich meine Begeisterung für die Kunst wirklich zum Beruf machen sollte. Ich entschied mich dagegen und studierte Medizin, eines der anderen Fächer, die sich mit dem Menschen und seinen Gestaltungen beschäftigt. Depressionen oder psychosomatische Erkrankungen werden einem Menschen ja nicht von außen angetan, sondern sind seine Gestaltungen, seine Antworten auf Belastungen. Dabei war es mir dann schon im Studium wichtig, Kunst und Medizin nicht unverbunden nebeneinander herlaufen zu lassen. Ich suchte nach der größtmöglichen Schnittmenge – und fand sie in der Psychiatrie und Psychoanalyse, also in denjenigen Bereichen innerhalb der Medizin, wo Menschen mit ihren kreativen Fähigkeiten an die Grenze ihrer Möglichkeiten kommen, zu scheitern drohen – oder auch zu ganz und gar ungewöhnlichen Lösungen finden. So stieß ich auf die bereits 1922 erschienene „Bildnerei der Geisteskranken“, wie das bahnbrechende, vor allem die Surrealisten beeindruckende Buch von Hans Prinzhorn hieß. Jahre später entschloss ich mich, eine aktuelle Bestandaufnahme zu schreiben – daraus entstanden 1986 die „Grenzgänger zwischen Kunst und Psychiatrie“. Dass dieses Buch nach fast 30 Jahren in 3. Auflage immer noch im Handel ist, freut mich natürlich.

Abschließend eine sehr persönliche Frage: Sie sind nicht nur als passionierter Kunstsammler, sondern auch als Kurator tätig. Eine Ihrer Ausstellungen war der ‚Versuchung des Heiligen Antonius’ gewidmet. Welche Versuchungen kennen Sie oder welchen Dämonen müssen Sie  widerstehen?

Es kommt nicht auf die Versuchungen an – die sind für alle Menschen recht ähnlich. Die Frage muss lauten: Wie gehen wir mit unseren Versuchungen um? Und in diesem Zusammenhang wurde mir der Hl. Antonius wichtig. Schon als Schüler sah ich eine atemberaubende Ausstellung von Hieronymus Bosch in seinem Heimatort ´s-Hertogenbosch. Das war die erste Begegnung mit dem Heiligen, der künstlerische Zugang. Im Medizinstudium lernte ich dann die nach ihm benannte Erkrankung, das Antoniusfeuer, kennen. Es handelt sich um eine Vergiftung durch Mutterkornalkaloide, die zu brennenden Schmerzen führt.  Das war der medizinische Zugang. Schließlich erwies sich der Hl. Antonius auch für meinen Beruf als Psychoanalytiker von Bedeutung. Er war ja derjenige Heilige, der den Gläubigen von der katholischen Kirche- zumindest bis ins 17. Jahrhundert – nachdrücklich als Vorbild für die Beherrschung von Trieben, von Versuchungen präsentiert wurde. Offensichtlich wurde dabei übersehen, dass verdrängte, nicht adäquat bearbeitete und gelebte Versuchungen als Wahnvorstellungen zurückkehren können: Der sexuell Enthaltsame fühlt sich dann von schönen Frauen bedrängt, der seine Wut Unterdrückende glaubt sich von bösen Geistern verprügelt. Schon diese ganz knappe Skizze zeigt, dass sich anhand der „Versuchung des Hl. Antonius“ künstlerische, medizinische, religionshistorische und psychologische Fragen stellen lassen. Das reizt mich. Als Vorbild möchte ich den Hl. Antonius allerdings nicht empfehlen.

Vielen Dank für die Ein- und Ausblicke, die Sie uns hier gewährt haben, und: Herzlich Willkommen an der Alanus Hochschule!

Die Fragen stellte Isabel Rith-Magn

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