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Montag, 21. August 2017

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Cradle to Cradle – von der Wiege zur Wiege

oya zukunftsmaschine

Oya-Herausgeber Johannes Heimrath sprach mit dem ­Chemiker Michael Braungart, der das Produk­tionsprinzip »Cradle to Cradle« – von der Wiege zur Wiege – erforscht. Alternativen Subkulturen wird oft vorgeworfen, sie hätten nur kleine, regionale Lösungen im Blick. Mit der Industrie und den großen, globalen Entwicklungen möchte man lieber nichts zu tun haben. Herr Braungart, Sie befassen sich auch mit dem Umbau industrieller Produktion in Richtung unschädlicher Nutzung von Rohstoffen. Ich mag das Wort »Rohstoffe« nicht gerne, lieber spreche ich von »Lebensquellen«. In meinem Verständnis müssten die Menschen die Lebensquellen der Welt als Allmenden begreifen. 

 

Die Allmende wäre ein sehr vernünftiges Konzept. Sie war allerdings immer mit dem Problem konfrontiert, dass die Stadt den Bauern nie etwas zurückgegeben hat – sie hat immer nur genommen. Die Städte mussten sich schon früh ihre Nährstoffe aus einem großen Einzugsgebiet besorgen und waren zu dumm, dorthin wieder etwas abzugeben. So kam es zur Landflucht; die Städte expandierten, und in der Geschichte sind sie meist wieder implodiert, weil sie ihre Infrastruktur nicht mehr aufrechterhalten konnten. Oder sie wurden von anderen, ebenfalls auf Expansion bedachten Staaten vernichtet. Der eigentliche Hintergrund ihres Niedergangs war jedoch immer die Unfähigkeit, der Natur genügend Nährstoffe zurückzubringen. Das ist ein wesentlicher Ausgangspunkt für meine Arbeit. Selbst »Bio« zerstört heute Böden.
Dieser Extraktivismus, der ein ständiges Nehmen bedeutet und kaum ein Geben, ist ein Grundproblem, vor dem wir alle stehen.
Und er ist eben kein technisches Problem! Deshalb bin ich von den Diskussionen in der Zeitschrift Oya auch so fasziniert. Dort werden Fragen gestellt, die auch ich stelle: Was ist die Rolle der Menschen auf der Erde? Dass wir alles, was wir heute tun, ein bisschen weniger schlecht machen? – Dafür sind wir inzwischen zu viele. Anstelle von »weniger schädlich« müsste »für andere nützlich sein« unser Ziel werden. Dann hätten wir kein Überbevölkerungsproblem; im Gegenteil, wir würden aus uns selbst heraus einen bescheidenen Lebensstil finden, ohne dass uns jemand dies vorschreiben müsste.

Die Überlegung, dass mit dem Selbstverständnis eines »Nützlings« auch Bewusstheit über die eigenen – im Grund ja sehr überschaubaren – Bedürfnisse und damit Bescheidenheit entsteht, scheint auch mir ganz naheliegend zu sein.

Ich habe viele Naturvölker besucht. Die Menschen dort sind immer großzügig und freundlich, wenn sie geschätzt und akzeptiert werden. In der westlichen Kultur erlebe ich, wie Menschen alles an sich raffen. Das Selbstverständnis, dass unsere eigene Existenz für die Natur als etwas Feindliches wirke, erzeugt Angst und damit diese Raffgier. Die Umweltbewegung hat leider dazu geführt, dass wir uns schuldig fühlen, auf der Erde zu sein. Das kann keine Grundlage für zukunftsfähige Lebensweisen sein. Die Frage müsste vielmehr lauten: Wie sieht eine positive Rolle für den Menschen aus? Dann kann es eben nicht darum gehen, einen ökologischen Fußabdruck von Null zu hinterlassen oder klimaneutral zu leben. Kein Baum ist klimaneutral. Bäume entlassen Sauerstoff in die Atmosphäre, womit sie anderes Leben ermöglichen. Dümmer zu sein als die Bäume, kann doch nicht unser höchstes Ziel sein. Wie könnte sich analog der Beitrag eines Menschen gestalten?

Was wäre Ihrer Meinung nach besser als ein ökologischer Fußabdruck von Null?

Solange wir davon ausgehen, dass ein ökologischer Fußabdruck etwas Negatives sein muss, steht alles auf dem Kopf. So ist es auch, wenn gesagt wird: »Stellen Sie sich eine Welt ohne Müll vor!« Ich denke nicht in Kategorien von »ohne«, sondern an eine Welt, in der jegliche Tätigkeit Nährstoffe erzeugt – wo Menschen andere Lebewesen in ihrem Sein unterstützen. Bei der Herstellung von Produkten müsste dann gefragt werden: Können seine Bestandteile wieder Nährstoffe für die Biosphäre werden? Und wenn das nicht der Fall ist: Können sie in der »Technosphäre« als vollwertig wiederverwendbare Materialien verbleiben, statt ganze Ökosysteme zu vergiften?

Müssen wir also lernen, noch besser in Kreisläufen zu denken?

Um Kreisläufe geht es nicht. Ein Kreislauf ist ein sehr beschränktes mentales Konstrukt. Ich zum Beispiel möchte durch das, was ich tue, in meinem Leben gerne viel lernen, mich entwickeln und fruchtbare Erde hinterlassen. Dieses Prinzip der Weiterentwicklung nennt sich »Upcycling« – es führt wie eine Helix-Spirale nach oben. Ein Kreislauf bedeutet letztlich Stagnation, maximal ein Optimieren im Rahmen des Bestehenden statt kreative Evolution.
Ich ziehe gern die Doppelhelix heran, auf die Hugo Kükelhaus hinweist: Ein Spiral­strang führt nach oben, ein zweiter, innerer, zugleich nach unten. Das scheint mir ein gutes Sinnbild für die Natur zu sein, mit all ihren dynamischen Spiralbewegungen, die doch nirgends nur eine Richtung oder gar unbegrenztes Wachstum kennen.

Sie haben mit »Intelligente Verschwendung« gerade ein kompostierbares Buch pub­liziert. Es kann also aus der Technosphäre zurück in die Biosphäre gehen?


Ja, es ist das erste Buch, das für die Biosphäre wirklich ungiftig ist, wenn es kompostiert oder im Ofen verbrannt wird. Die Asche wäre als Dünger geeignet, denn es ist mit gesunder Farbe gedruckt. Papier-Recycling erzeugt durch die konventionelle Druckfarbe einen giftigen Schlamm. Nicht so mit den Cradle-to-­Cradle-Farben, bei deren Entwicklung ich die österreichische Druckerei Gugler unterstützt habe.

Womit ist der Titel des Buchs kaschiert?

Mit modifizierter Stärke, die dem Buch erlaubt, stabil zu sein. Durch solche Beispiele möchte ich eine Einladung aussprechen, weitere Bereiche unserer Produktion in diesem Sinn zu verändern.

Vorhin haben wir einen bescheidenen Lebensstandard angesprochen. Beim Lesen Ihres Buchs kam mir dazu die Frage: Gehen Sie bei Ihren Überlegungen vom Ist-Zustand der Technosphäre aus, die zur Hauptsache vom Produzieren vollkommen unnötiger Dinge dominiert wird?

Ich denke, dass die Menschen vor allem deshalb kaufen, weil sie Angst haben, etwas zu verpassen oder nicht genug zu bekommen.

Würde die heutige Produktions- und Wirtschaftsweise das Cradle-to-Cradle-Prinzip einführen, würden dann nicht – mit etwas besserem Gewissen – nach wie vor Dinge produziert, die nicht gebraucht werden?

Als Antwort möchte ich von meinem derzeit wichtigsten Projekt erzählen: Ich unterstütze die Firma Puma darin, bis 2020 alle Chemikalien, die sie in ihren Produkten einsetzen, positiv zu definieren. Heute werden in der Textilindustrie weltweit 20 000 Chemikalien verwendet. Das sind ein Drittel der weltweit eingesetzten Chemikalien, und so haben etwa die Hälfte aller Abwasserprobleme ihren Ursprung in der Textilindustrie. Die größte Landnutzung findet durch den Anbau von Pflanzen für diese Industrie statt. Einschließlich ihrer Zulieferfirmen arbeiten hier weltweit viermal mehr Menschen als in der Automobilherstellung.
In der Produktion von Puma arbeiten wir nun daran, dass nur für die Biosphäre positiv wirkende Substanzen in den Turnschuhen zum Einsatz kommen. Tonnen von Plastik verteilen sich durch die heutige Textilindustrie in die Weltmeere. Ein Puma-Turnschuh wäre hingegen kompostierbar oder »upcycelbar«. Wenn das hier gelingt, ist es für andere Hersteller genauso machbar.

Das setzt voraus, dass wir die Textilindustrie insgesamt behalten wollen. Konsequenterweise müssten dann auch die Maschinen und der globale Transport dieser Indus­trie einen positiven Beitrag zur Biosphäre leisten. Ich denke, wenn wir nur die Technosphäre ändern, ohne die – wie ich jetzt sage – Soziosphäre zu wandeln, bleibt eine der gravierendsten Herausforderungen, nämlich die massive Ungleichverteilung von Macht und Wohlstand, ungelöst.

Ich sehe meine Rolle nicht darin, die Welt komplett umzukrempeln. In meinem Bereich bin ich ein weltweit führender Wissenschaftler; als solcher sollte ich meinen Beitrag leisten. Ich kann nur Beobachtungen schildern, zum Beispiel: Kupfer ist nicht per se giftig, aber es ist giftig, wenn es in die Biosphäre zurückkommt. In der Technosphäre kann es hingegen endlos eingesetzt werden, weil es seine Eigenschaften beim Einschmelzen beibehält. Daraus leitet sich ein anderer Umgang mit Kupfer ab, auch für die Maschinen der Textilindustrie.
Die chemische Zusammensetzung unserer Alltagsprodukte nimmt uns viele Lebensmöglichkeiten. 20 Prozent der Frauen leiden heute unter einer Nickelallergie, weil die Euromünzen aus Nickel bestehen und dazu auch noch scharfkantig sind. Wer an der Kasse arbeitet, reibt sich giftigen Staub in die Hände. Da will ich Aufklärungsarbeit leisten und bei Produktentwicklungen mitwirken. Ich sehe mich eher in einer demütig-dienenden Funktion. Außerdem stelle ich gern Fragen, um die Diskussionskultur zu fördern: Warum gilt in Deutschland ein Passivhaus als das Höchste? Warum versiegeln sich die Leute luftdicht? Auf der Suche nach Antworten spielt es keine Rolle, dass ich Chemiker bin und Sie Verleger. Da sind alle Menschen gleich qualifiziert.

Das finde ich eine wichtige Aussage, denn sie hilft, den Eindruck zu korrigieren, der oft entsteht, wenn eine neue, erfolgreiche »Methode« wie Cradle to Cradle ins Spiel kommt: dass nun mit dieser Technik alles besser wird, und folglich alle weiterleben können wie bisher.

Wer will denn weiterleben wie bisher? So viele Menschen möchten sich aus einem schlechten Gewissen heraus verändern. Aber das macht nur aggressiv und feindselig. Konstruktive Fragen führen viel weiter, zum Beispiel: Warum soll ich meine Lunge einsetzen, um die Luft zu reinigen, wenn das doch auch ein Teppichboden kann? Wie sieht ein Biolandbau aus, mit dem wir der Erde Nahrung geben? Durch solche Fragen vernetzen sich verschiedenste Lebensbereiche, die sonst getrennt bleiben. Weil mich auch Schnittstellen zwischen Philosophie und Geschichte interessieren, finde ich das Thema »Allmende« sehr spannend.

Dazu eine Frage: Warum ist »Cradle to ­Cradle« eine geschützte Marke?

Um die Qualitätssicherung zu gewährleisten: So kann man es nicht einfach überall draufschreiben. Die Zertifizierung ist so gestaltet, dass jeder mitmachen kann. Das Prinzip wird zugleich geschützt und der Allgemeinheit zugänglich gemacht.

Eine Allmende zu bewirtschaften, heißt ja, durch gemeinschaftliche Pflege Lebensfülle für alles, was lebt, zu schaffen. Ich sehe eine Brücke vom Cradle-to-Cradle-Prinzip zu einer Wirtschaftsweise, die Gemeingüter schafft. Sie entsteht durch gleichberechtigte Partner, die etwas erzeugen, das nicht dafür gedacht ist, auf einem Markt Profit zu erzielen, sondern für eine Gemeinschaft von Menschen nützlich und sinnvoll zu sein. Dazu gehört auch fundiertes Wissen über lebensfördernde Produktionsweisen.

Ich möchte Sie gerne dabei unterstützten, dass Ihr Magazin in drei Jahren auch so produziert wird, dass es nach dem Lesen zurück in die Biosphäre gehen kann.

Ja, darüber sollten wir uns austauschen! Vielen Dank für das Gespräch. •


Michael Braungart (55), Chemiker, ist Gründer und wissenschaftlicher Leiter der EPEA Internationale Umweltforschung. Er lehrt an zahlreichen europäischen Hochschulen.

Das kompostierbare Buch von Michael Braungart:
Intelligente Verschwendung. The Upcycle: Auf dem Weg in eine neue Überflussgesellschaft. Oekom, 2013

Von Johannes Heimrath erschienen in 24/2014 »aus: Oya – anders denken.anders leben«
(CC BY-SA)

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