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Mittwoch, 13. Dezember 2017

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Postwachstum - Degrowth

DeGrowth

Degrowth ist zunächst eine Kritik des bestehenden Gesellschaftsmodells, das auf Fortschrittsdenken und Wirtschaftswachstum basiert. Die Erkenntnis, dass es auf einem endlichen Planeten kein unendliches Wachstum geben kann – auch kein unendliches Wirtschaftswachstum – ist nicht neu. Sie wurde bereits in den 1970ern breit diskutiert, als Umweltschäden immer deutlicher sichtbar wurden und viele junge Menschen nach 1968 den Sinn des Immer-mehr-Anhäufens grundlegend in Frage stellten. Die »Lösung« dieser ersten Welle von Wachstumskritik wurde in den späten 1980er Jahren mit der Formel der »nachhaltigen Entwicklung« und später des »qualitativen Wachstums« sowie der »ökologischen Modernisierung« gefunden.

Alle drei Begriffe sollen ausdrücken, dass Wachstumswirtschaft und Ökologie zusammenpassen können, wenn Wirtschaftswachstum zum Beispiel dabei hilft, innovative Techniken wie Windkraft und Solarenergie zu entwickeln. Das klingt gut – hat aber den Haken, dass es nicht funktioniert. Zwar gibt es heute große Windparks, aber es wird auch immer mehr Strom verbraucht. Ressourcenverbrauch und Abfälle in Form von giftigen Gasen, Schlamm, Sondermüll und vielem anderem haben in den vergangenen Jahren weltweit weiter zugenommen. Der Klimawandel ist in vollem Gang, so dass ein »Weiter so!« immer gefährlicher wird. Die Bemühungen um »nachhaltige Entwicklung« haben keineswegs zu mehr Frieden oder zur Erfüllung von Grundbedürfnissen geführt – es gab noch nie so viele hungernde Menschen wie heute, und die Anzahl der Kriege, die einem täglich in den Medien entgegenschreit, ist entsetzlich.
Angesichts dessen erscheint es logisch, dass mit dem Material­verbrauch auch die Wirtschaft insgesamt schrumpfen muss. Das ist allerdings nicht so einfach, denn die Wachstumslogik ist das Herz des kapitalistischen Wirtschaftens; unter Konkurrenzdruck und Rationalisierungszwang müssen überall die Umsätze wachsen, damit Betriebe nicht untergehen – von der Schuhfabrik bis zum Biobauernhof. Das Kindergeld ist von der Wachtumslogik genauso abhängig wie die Rente, und selbst so etwas wie ein Grundeinkommen ist ohne Wachstum kaum denkbar. Eine auf Wachstum ausgerichtete Gesellschaft, deren Wirtschaftsleistung stagniert oder schrumpft, gleitet in die Rezession: Die Erwerbsarbeit sinkt, das Steueraufkommen bleibt aus, die Verschuldung nimmt dramatische Züge an, die Investitionen stagnieren. Der soziale Frieden und die Demokratie sind gefährdet. Das Schicksal Griechenlands steht früher oder später allen modernen Industriegesellschaften bevor; viele haben seit Jahrzehnten fallende Wachtumsraten. So stehen die Industrieländer vor der Alternative einer dauerhaften Rezession oder einer radikalen Veränderung der Strukturen hin zu einer gerechten und von Wirtschaftswachstum unabhängigen Gesellschaft.
Hinter dem Begriff »Degrowth« steht nicht nur eine Kritik am Bestehenden, sondern auch eine Vision, wie eine wachstums­unabhängige Gesellschaft aussehen könnte, ebenso wie Vorschläge für einen Transformationspfad, wie dorthin zu gelangen wäre.

Degrowth hierzulande
In Deutschland überlappt sich die entstehende Degrowth-Bewegung mit einer Reihe etablierter alternativen Gruppen, wie der Transition-Town-Bewegung, Netzwerken zu solidarischer Ökonomie, Ökodörfern, Regionalgeldexperimenten und dergleichen. Auf fast allen politischen Ebenen wird das Bruttoinlandsprodukt als alleiniger Indikator für Wohlstand in Deutschland mittlerweile kritisiert. Dazu hat auch die Enquête-Kommission des Bundestags zu »Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität« beigetragen, die von 2011 bis 2013 tagte. Im Jahr 2011 gab es eine erste große wachstumskritische Konferenz in Berlin, und seither ist das Thema in der öffentlichen Debatte präsent, wenn auch nicht in vollem Umfang. Diese partielle Popularität birgt auch Fallen: Die großen Medien thematisieren hauptsächlich Aspekte des individuellen Verzichts, die das Wirtschaftssystem nicht in Frage stellen, sondern im Gegenteil die Menschen fit machen sollen für eine neoliberale Sparpolitik.
In der deutschen Debatte um Degrowth – nur unzureichend mit »Postwachstum« übersetzbar – lassen sich grob fünf verschiedene Strömungen unterscheiden: liberal-sozial­reformerische, konservative, suffizienzorientierte, antikapitalistische und feministische.
Die liberal-sozialreformerische Argumentation steht den Umweltverbänden oder Organisationen wie dem Wuppertal Institut nahe. Hier wird gefragt, wie bestehende staatliche Institutionen –Renten- und Krankenversicherungen etc. – unabhängig von Wachstum gestaltbar seien. Eine radikale ­Kritik an den bestehenden gesellschaftlichen Einrichtungen wird bewusst nicht geübt. Die konservative Denkrichtung der Wachstumskritik vertreten die Stiftung »Denkwerk Zukunft« und ihr Mitgründer Meinhard Miegel. Wirtschaftliche Schrumpfung erscheint Miegel als unvermeidlich für moderne Industriegesellschaften – als Ausweg schlägt er vor, den in seinen Augen überbordenden Wohlfahrtsstaat radikal zu kürzen. Damit ist er nahe an der neoliberalen Argumentation, die ironischerweise in der aktuellen Eurokrise Ausgabenkürzungen als Rezept für Wirtschaftswachstum anpreist und damit den Sozialstaat in vielen südeuropäischen Ländern für viele Menschen lebensbedrohlich zusammengestrichen hat.
Während auf diese beiden Ansätze der Begriff »Postwachstum« durchaus zutrifft – sie sind nicht explizit für Wirtschaftsschrumpfung, sondern für eine wachstums­unabhängige Gesellschaft – stehen die anderen Strömungen für einen absichtsvollen Rückgang der Wirtschaftsleistung, die der Begriff »Degrowth« ausdrückt.
Das populärste Gesicht in der deutschen Postwachstumsdebatte ist derzeit vermutlich der Ökonom Niko Paech. Er vertritt einen suffizienzorientierten Ansatz, der auf drei Säulen beruht: auf Selbstversorgung zielende Eigenarbeit in Haus und Garten; regionale Wirtschaft; globalisierte Wirtschaft in stark verringertem Umfang. Paech will damit sowohl den strukturellen als auch den kulturellen Wachstumszwängen begegnen. Die strukturellen Zwänge sieht er in zu langen Wertschöpfungsketten. Auf der kulturellen Seite sieht er die Notwendigkeit, attraktive, selbstgenügsame Lebensstile hochzuhalten. Auch der Sozialpsychologe Harald Welzer, der vielerorts als Wachstumskritiker auftritt, verfolgt einen suffizienzorientierten Ansatz. Er betont die Notwendigkeit der Änderung »mentaler Infrastrukturen«, um andere Lebensstile auszuprobieren. Wachstum sei eine grundlegende Haltung geworden: Alles orientiere sich an der Logik des Immer-Mehr, Immer-Schneller und Immer-Besser.
Die antikapitalistische Degrowth-Strömung in Deutschland betont, dass eine lebensdienliche Wirtschaftsweise nicht aus Marktmechanismen und Profitorientierung hervorgehen könne. Vielmehr spielten dabei Commons bzw. Gemeingüter, Selbstverwaltung und solidarische Kooperation eine wichtige Rolle. Daneben gibt es auch vereinzelte Vertreter eines Ökosozialismus, der verstärkt auf staatliche Planung setzt.
Modelle einer Degrowth-Gesellschaft sind untrennbar mit Fragen der ­Verteilung und der sozialen Rechte weltweit verbunden. Die feministische Degrowth-Diskussion betont deshalb die Bedeutung der nicht-monetär bewertbaren Arbeit im alltäglichen Füreinander-Sorgen und hinterfragt radikal den heute verbreiteten Arbeitsbegriff.
Je mehr sich die Vision einer Degrowth-Gesellschaft von der heutigen Wirklichkeit entfernt, umso mehr werden auch moderne Institutionen wie Schule, Gesundheitswesen oder Staatlichkeit insgesamt in Frage gestellt. Dies steht durchaus in der Tradition der Wachstumskritik der 1970er Jahre mit prominenten Vertretern wie Ivan Illich.

Gemeinsames Weitergehen: Konferenzen
Degrowth kann nur zu einer wichtigen Bewegung werden, wenn ein regelmäßiger Dialog zwischen ihren verschiedenen Traditionen stattfindet. 2008 gab es daher die erste internationale Degrowth-Konferenz in Paris, gefolgt von Konferenzen in Barcelona (2010) und Venedig (2012). Viele Akteure der Degrowth-Aktivitäten sind relativ jung – umso wichtiger ist es, den Dialog mit den Erfahrungen älterer Generationen immer wieder zu suchen, wie es zum Beispiel auf der Velokarawane geschehen ist.
In den Konferenzen entsteht langsam ein Selbstbild dieser vielfältigen Bewegung. Welche konkreten Vorschläge für Transformationspfade sind Konsens? Müssen wir uns im klassisch politischen Links-Rechts-Spektrum verorten? Einige Antworten zeichnen sich schon vage ab, und immer mehr Wissenschaftlerinnen stoßen wertvolle Forschungen zum Thema an. Die Konferenzen sind ausdrücklich keine rein akademischen Veranstaltungen. Hier treffen sich Aktivistinnen, Praktiker und Wissenschaftlerinnen auf Augenhöhe. Degrowth bedeutet auch, neu zu bestimmen, wer eine Expertin sein kann und warum. In Barcelona begann 2010 ein Arbeitsgruppenprozess, der den Stand der Debatte zu Bereichen gesellschaftlicher Transformation abzubilden versucht. In Leipzig wird er weitergeführt und um neue Stränge ergänzt, etwa um das Aufwachsen von Kindern in einer Degrowth-Perspektive.
Immer wichtiger erscheint es, Degrowth gegen eine Vereinnahmung von Rechts zu positionieren: In der Stärkung lokaler Produktionskreisläufe liegt die Gefahr des Lokalpatriotismus. Wer nicht zur Gemeinschaft gehört, darf nicht diskriminiert oder ausgeschlossen werden. Solidarität und eine breite Teilhabe an Entscheidungsprozessen sind deshalb von großer Bedeutung.
Nicht zuletzt sind die Konferenzen selbst Experimente des ­Gemeinschaffens: Die Konferenz in Leipzig, getragen von einem Vorbereitungsteam von über 60 Menschen, ist keine Dienstleistung, sondern ein Gemeinschaftsprojekt – ein Schritt zur Befreiung der Vorstellungskraft: Das Unmögliche ist denkbar! Wenn über 2500 Menschen dies an einem Ort erfahren und verändert nach Hause gehen, sind 2500 Keime gelegt. Keiner weiß, wann die Keime austreiben und wie viele Samen sie dann tragen werden. Aber dass sie jetzt gelegt sind und nur aufs Wachsen warten, macht Mut.

Von Johannes Heimrath erschienen in 28/2014 »aus: Oya – anders denken.anders leben«
(CC BY-SA)

Hintergründe zur Konferenz
Getragen wird die Veranstaltung vom DFG-Kolleg »Postwachstumsgesellschaften« der Universität Jena, dem Konzeptwerk Neue Ökonomie, dem Förderverein Wachstumswende e. V., der Forschungsgruppe »Research & Degrowth« der Universität Leipzig sowie zahlreichen weiteren Unterstützer-Organisationen.
Inhaltlicher Schwerpunkt der Konferenz mit rund 2500 Teilnehmenden sind drei Themenstränge: Gesellschaft organisieren, sozial-ökologisch wirtschaften und Gemeinschaft leben. Sie gliedert sich in je zweistündige wissenschaftliche, politische, praktische und künstlerische Veranstaltungen, die parallel stattfinden. Daneben gibt es Impulsvorträge und Zeit für Vernetzung in Arbeitsgruppen und Open Space.

Weiterführende Informationen
Dokumentationen der Leipziger Konferenz:
www.degrowth.de
Das Netzwerk Research & Degrowth:
www.degrowth.org

 

LINK:
Was ist enkeltaugliche Technik
Von der Wiege zur Wiege
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