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Hybris. Die überforderte Gesellschaft

Meinhard Miegel, Hybris.
Meinhard Miegel, Hybris.

Noch nie hat sich die Menschheit, mit den Völkern der früh industrialisierten Länder an der Spitze, in einer ähnlich paradoxen aber auch bedrohlichen Lage befunden! Mit jedem Schritt, mit dem sie meint, ihren selbst gesteckten Zielen näher zu kommen, entfernt sie sich weiter von ihren natürlichen Lebensgrundlagen. Jedem Gewinn steht ein Verlust gegenüber, wobei die Gewinne immer kleiner und die Verluste immer größer zu werden scheinen.

Größenwahn und Selbstüberschätzung sind Teil der menschlichen Natur. Doch erst heute werden sie als Erfolgsfaktoren kultiviert. Die Folgen sind krankhaft wuchernde Wirtschaftsaktivitäten, entfesselte Finanzmärkte, dysfunktionale Bildungs- und Infrastrukturen, aus dem Ruder laufende Großprojekte, unkontrollierbare Datenmengen und globales Allmachtstreben.

Die exzessive Entwicklung unserer Lebenswelt, die Miegel eindringlich schildert, überfordert alle: Einzelne und Gruppen, Unternehmen, Schulen und Universitäten, Parteien, Regierungen und internationale Organisationen. Ihre Kosten sind enorm, keine Volkswirtschaft kann sie stemmen. Die Lösung des Problems ist erprobt und zuverlässig: Es ist die Kunst der Beschränkung – die Rückkehr zu einem menschlichen Maß, das unsere individuellen und gesellschaftlichen Ressourcen schont und in ein neues Gleichgewicht bringt.

Ursache dieses Dilemmas ist eine Ideologie, der zufolge durch fortwährendes wirtschaftliches Wachstum ein irdisches Himmelreich entstehen soll, in dem niemand mehr bedürftig ist oder leidet und alle ihren Neigungen und Bedürfnissen gemäß leben können. Doch so sehr sich die Menschen auch mühen: Sie kommen diesem Traumbild kaum näher. Zugleich werden die Schattenseiten ihres Tuns immer deutlicher.

Diese Verfolgung utopischer Ziele hat die Menschheit, namentlich ihre wirtschaftlich entwickeltsten Teile, dazu gebracht, nicht nur die Tragfähigkeitsgrenzen der Erde gefährlich weit zu überschreiten, sondern auch sich selbst zu überfordern. Ständig werden alle zu noch größeren Anstrengungen angehalten. Nur gebracht hat das wenig. Deshalb fragen sich immer mehr, wozu dieses ganze Rennen und Hasten eigentlich gut sein soll. Sie können kein Ziel mehr erkennen, für das sich der Aufwand lohnt.

Die Zahl derer wächst, die sich bewusst und freiwillig zu beschränken suchen. Sie wollen kein Teil mehr von jenen Mechanismen sein, die Unmögliches doch noch möglich machen sollen: wuchernde Wirtschaftsaktivitäten, entfesselte Finanzmärkte, gigantische Datenmengen, wachstumsfokussierte Bildungs- und Infrastrukturen oder globales Allmachtsstreben. Viele, wenn auch bislang noch eine Minderheit, haben die Hybris der derzeitigen Kultur des Westens erkannt.

Die Mehrheit wird ihnen folgen, folgen müssen, wenn sie einer Ideologie entkommen will, die in ihrem unablässigen Streben nach Entgrenzung unvermeidlich zerstörerisch wirkt. Menschlichem Handeln sind Grenzen gesetzt. Menschengemäße Zielsetzungen tragen dem Rechnung. Grenzen nicht anzuerkennen ist Selbstüberhöhung und Größenwahn – ist Hybris.

Autor Professor Dr. Meinhard Miege

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Hybris. Die überforderte Gesellschaft
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Nachhaltigkeit + die Entdeckung Trojanischer Pferde…

Populäre Projektionen dessen, wie eine Bewusstseinsveränderung aussehen wird, sind in den meisten Fällen nur eine Neugestaltung der “alten Denkschablonen “. Eine größere, bessere Box, in der das Paradigma aufgewertet wird, das die Bedingungen verbessert, unter denen wir unsere Sucht auf eine “grüne” Art und Weise genießen können.

So wichtig wie das ökologische Bewusstsein ist, es ist nicht genug. Das neue Paradigma kann nicht aus der intellektuellen Abstraktion einer dualistischen Interpretation einer “besseren Welt” verwirklicht werden, die auf der Infrastruktur der existierenden Varianten-Matrix aufbaut, die dieses Paradigma erzeugt.

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