Netzwerkanalyse: Die „Praxianer” und ihr Projekt. Die Analyse zeichnet ein weitgespanntes Netzwerk nach: von Investoren im Silicon Valley und Startup-Akzeleratoren über neoreaktionäre Staatsmodelle hinweg zu Unternehmen wie Palantir und Anduril, der israelischen Einheit 8200, digitalem Geld, der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), den Vereinten Nationen, Sonderwirtschaftszonen, dem Konzept „Pax Silica” und schließlich zu Plänen für einen technologisch und privatwirtschaftlich verwalteten Gazastreifen. Die Vielzahl an Namen und Einzelbelegen droht dabei, die eigentliche Argumentationslinie zu überlagern. Im Kern entwickelt Davis jedoch eine vergleichsweise klare These: Eine transnationale Fraktion sehr vermögender Technologieunternehmer und Investoren versuche nicht, die Krise des klassischen Nationalstaats zu lösen, sondern sie gezielt zu beschleunigen. Ihr Ziel sei es, an die Stelle des Nationalstaats ein Netzwerk aus privat oder öffentlich-privat kontrollierten, digital gesteuerten Stadtstaaten zu setzen.
Wer sind die „Praxianer”? Davis bezeichnet diese Fraktion als „Praxianer”. Der Begriff leitet sich vom Projekt „Praxis” bzw. „Praxis Nation” ab, wird von Davis aber weiter gefasst verwendet. Gemeint ist keine einzelne formale Organisation mit Mitgliedsausweisen und zentraler Befehlsstruktur, sondern ein eng verflochtenes Milieu aus Risikokapital, Technologieunternehmen, Rüstungs- und Datenkonzernen, politischen Netzwerken und ideologischen Vordenkern. Zu den immer wieder genannten Personen zählen Peter Thiel, Marc Andreessen, Joe Lonsdale, Alex Karp, Palmer Luckey, Elon Musk, Sam Altman, Larry Ellison und weitere Akteure des Silicon-Valley-Ökosystems. Für Davis ist dabei weniger entscheidend, ob alle Beteiligten in jedem Detail dasselbe wollen, sondern dass sich ihre Investitionen, politischen Vorstellungen und technologischen Projekte in eine gemeinsame Richtung bewegen.
Diese Perspektive erklärt, weshalb Davis die Praxianer nicht als gewöhnliche Libertäre betrachtet. Zwar werden Deregulierung, individuelle Wahlfreiheit und die Abkehr vom schwerfälligen Staat rhetorisch betont. Das Endprodukt sei aber nicht eine Gesellschaft ohne Herrschaft, sondern eine andere Form von Herrschaft: weniger sichtbar, stärker privatisiert und technisch vermittelt. Wer die digitale Identität ausstellt, die Zahlungsinfrastruktur betreibt, den Zugang zu Wohnungen und Dienstleistungen vermittelt, Sicherheitskräfte beschäftigt und die Regeln in Software gießt, besitzt in einem solchen System faktisch hoheitliche Macht – auch wenn er sich nicht „Regierung“ nennt. Multipolare Weltordnung UN 2.0


