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Foto von mostafa meraji

Wertewandel in Deutschland

WIR IchlingeDas Zeitalter der Ichlinge geht zu Ende. In Krisenzeiten ist kein Platz für Egoisten mehr. Die neueste BAT Wertestudie des Zukunftsforschers Horst W. Opaschowski hat eine eindeutige Botschaft: Die Deutschen wenden sich ab von Maßlosigkeit und Missmanagement. Sie wollen wieder ehrbare Kaufleute und ehrliche Politiker, die ihre „Wahlversprechen halten“.

Gefragt ist ein neues bürgerliches Wir-Gefühl, mehr Zusammenhalt – nicht nur zu Zeiten einer Fußball-WM, sondern auch in Wirtschaft, Politik, Medien und Kultur. „Für Egoismus ist in unserer Gesellschaft immer weniger Platz. Wir müssen mehr zusammenhalten“ sagen 88 Prozent der Bevölkerung. Dies geht aus einer umfangreichen Wertewandel-Studie der BAT Stiftung für Zukunftsfragen hervor, die der Wissenschaftliche Leiter der Stiftung, Prof. Dr. Horst W. Opaschowski, heute in Hamburg vorstellte. 2.000 Personen ab 14 Jahren wurden repräsentativ nach ihren Wertorientierungen und Lebensgewohnheiten gefragt. Die Studie „WIR! Warum Ichlinge keine Zukunft mehr haben“ erscheint zugleich im Buchhandel (Murmann Verlag, Hamburg).

Mit Sicherheit, –mehr Freiheit: Veränderte Lebensprioritäten in Krisenzeiten

„In den anhaltenden Krisenzeiten wollen die Menschen sicher leben und in doppelter Weise für ihre Zukunft vorsorgen: Sie suchen materielle Sicherheit und zugleich soziale Geborgenheit, auch wenn sie dabei Einbußen an persönlicher Freiheit und Unabhängigkeit hinnehmen müssen“, so Professor Opaschowski, der Autor der Studie. Die Sicherheit (80%) ist mittlerweile wichtiger als die Freiheit (64%). Das Schutzbedürfnis rückt zunehmend ins Zentrum des Lebensinteresses. Und die Sehnsucht nach Sicherheit  wird immer größer (1995: 49% – 2010: 80%). Ein grundlegender Einstellungswandel in Zeiten der Wohlstandswende.

Die Freiheit ist als Grundrecht des Menschen „unverletzlich“. So steht es im Grundgesetz von 1949. „Das Freiheitspostulat des Grundgesetzes stößt zunehmend an seine Grenzen, wenn die Grundgeborgenheit großer Teile der Bevölkerung und der Schutz ihrer Privatsphäre nicht mehr gewährleistet sind“, so Prof. Dr. Opaschowski. „Der Einstellungswandel der Bevölkerung hat existentiellen Charakter. Dahinter verbirgt sich die Zukunftsangst vor einer Gesellschaft ohne soziale Sicherung – ohne sicheres Einkommen, ohne sicheren Job und ohne sichere Rente. Antworten auf die Zukunftsfrage ‚Wovon sollen wir in Zukunft leben?‘ sind offener denn je.“ Wenn Grundversorgung und gesicherte Existenz nicht mehr garantiert werden können, dann breiten sich prekäre Lebensverhältnisse aus. Die Zukunftsgewissheit schwindet; der Freiheitsgewinn schlägt in Sicherheitsverlust um.

Die Verfassung garantiert „im Namen des Volkes“ jedem Bürger Freiheit als Grundrecht. Doch in unsicheren Zeiten wird sie auch mehr Sicherheit „verbürgen“ müssen. Eine freiheitliche Gesellschaft muss auch eine tendenziell solidarische Gesellschaft sein können. Mit Sicherheit – mehr Freiheit! Das ist die neue Leitlinie des Lebens. Stiftungsleiter Opaschowski: „Wir leben in einer fortgesetzten Krisenwirklichkeit. Inmitten von Finanz-, Wirtschafts- und Umweltkrisen suchen die Deutschen Geborgenheit.“

Selbst bei der jungen Generation ist in Zeiten der Unsicherheit ein grundlegender Einstellungswandel feststellbar. Nur jeder zweite junge Mensch im Alter bis zu 34 Jahren legt besonderen Wert darauf, sich im Leben „frei zu fühlen“ (49%). Drei Viertel der 14- bis 34-Jährigen finden hingegen „ein sicheres Einkommen“ (75%) viel wichtiger. Freiheitsgefühle können und wollen sich immer weniger leisten, wenn nicht gleichzeitig auch der Lebensunterhalt gesichert ist. Unter anhaltenden Krisenbedingungen muss das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit neu bestimmt werden.

„Weil Gesellschaft und Politik nicht mehr hinreichend für Schutz und Sicherheit sorgen können, wird der Hunger nach Geborgenheit größer als der Durst nach Freiheit“, so Professor Opaschowski. „Bisher hieß es ‚Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit‘ sowie ‚Einigkeit und Recht und Freiheit‘. Die neue Maxime des Lebens lautet: ‚Geborgenheit durch Gemeinsamkeit‘. Jeder muss sich wieder selber helfen und zugleich von anderen helfen lassen.“

Die Bundesbürger erhoffen sich von der Politik mehr Verantwortung für ihr Wohlergehen, eine Art Bürgschaft für soziale Sicherheit. Und das heißt: Arbeitsplatzsicherheit. Einkommenssicherheit. Geldwertsicherheit. Gesundheitssicherheit. Versorgungssicherheit. Dies hat nichts mit maßlosen Sicherheitsansprüchen zu tun. Bürger bangen um ihre Existenz. Nicht die Freiheit ist ein Opfer der Krise, sondern die Sicherheit. Ohne Sicherheit wird die Freiheit obsolet.
Das mitmenschliche Vertrauen wächst wieder:
Die wichtigste Währung für die Zukunft

Die Bundesbürger trauen der Politik immer weniger – aber sich selbst und anderen immer mehr zu. Es ist kein Zufall, dass mittlerweile zu den wichtigsten Erziehungszielen in Deutschland Selbstvertrauen (70%) und Vertrauen (60%) zählen und erst nachgeordnet Eigenschaften wie Durchsetzungsvermögen (54%) oder Kritikfähigkeit (49%) folgen. Opaschowski: „Das Vertrauen gilt als die Antriebskraft des sozialen Lebens. Intakte soziale Beziehungen können für das persönliche Wohlbefinden wichtiger als materielle Güter sein. Dies lässt für die Zukunft hoffen.“

Das Prosoziale dominiert. Bei einem Zeitvergleich der Erziehungsziele kann geradezu von einem unaufhaltsamen Aufstieg der Ehrlichkeit in den letzten drei Jahrzehnten gesprochen werden: Vom 4. Rangplatz (1982) über die 3. Priorität (1996) bis zum Erziehungsziel Nr. 1 (2010). Für 83 Prozent der Bevölkerung ist Ehrlichkeit das wichtigste Erziehungsziel im Leben geworden.

Das Vertrauen in die Mitmenschen (2000: 36% – 2008: 49% – 2010: 56%) wächst wieder. Die Mehrheit der Bevölkerung ist mittlerweile davon überzeugt, dass man den Menschen vertrauen kann. Nachweislich wächst mit dem Vertrauen auch das Potenzial an Gemeinsinn und Gemeinschaftsfähigkeit. Jede Gesellschaft braucht für den sozialen Zusammenhalt ein Mindestmaß an Vertrauen – im zwischenmenschlichen Bereich genauso wie in der Politik, in den weltweiten Wirtschafts- und Handelsbeziehungen sowie im Arbeits- und Geschäftsleben: Von der Mitarbeitermotivation bis zur Kundenbindung. Auch und insbesondere in der ganz privaten Kontaktpflege in Familie und Freundeskreis, Nachbarschaft und sozialem Netzwerk ist Vertrauen unverzichtbar.
Vom Ich zum Wir: Der neue Zusammenhalt:
Ichlinge haben keine Zukunft mehr

Das Grundgesetz nennt vorrangig individuelle Grundrechte, aber nur wenige soziale Pflichten wie z.B. ‚Eigentum verpflichtet’. Jeder Einzelne soll zunächst einmal sein Ich und seine Persönlichkeit frei entfalten können. Das Wir wird nicht so privilegiert behandelt, weshalb in den letzten Jahren die soziale Gerechtigkeit auf der Strecke zu bleiben drohte. Dies spiegeln auch die regelmäßigen Forschungsanalysen und -prognosen der Stiftung für Zukunftsfragen im Zeitvergleich der letzten zwei Jahrzehnte wider.

Wir haben eine Erlebnisinflation hinter uns, die vom Immer-Mehr und von maßlosen Konsumsteigerungen getrieben war: ‚Freizeitspaߒ und ‚Reisehunger’, ‚Erlebniskultur’ und ‚Mega-Events’. Im Zirkel von Konsum und Neugier gefangen drohte eine ‚born-to-shop-Generation’ in die ‚Wohlstandsfalle’ zu geraten und über ihre Verhältnisse zu leben.

Die Erfahrungen vom 11. September 2001 bis zur Finanz- und Wirtschaftskrise brachten eine Zäsur im Denken und in den Lebenseinstellungen der Bundesbürger: Die Spaßkultur weicht einer neuen Ernsthaftigkeit. In Krisenzeiten ist kein Platz für Egoisten mehr. Das Zeitalter der Ichlinge geht zu Ende. Eine Ära der Nachhaltigkeit beginnt – auch und gerade im zwischenmenschlichen Bereich. Beständigkeit ersetzt Beliebigkeit und Bescheidenheit ist wieder gefragt. Die Bundesbürger rücken enger zusammen und sind sich weitgehend einig: „Wir müssen mehr zusammenhalten“ (Männer: 85% – Frauen: 90%).

Quer durch alle Berufs-, Alters- und Sozialschichten nimmt die Überzeugung zu, dass man sich in schwierigen Zeiten aufeinander verlassen können muss. Opaschowski: „In Wohlstandszeiten kann jeder sein Ego ausleben. Wenn aber der Wohlstand auf breiter Ebene stagniert oder gar sinkt, dann wollen die Menschen immer weniger vom Ego-Kult wissen. Im Umgang miteinander wünschen sie sich wieder mehr menschliche Wärme. Wie schon immer in Zeiten ökonomischer und sozialer Krisen verdrängt das Zusammenrücken das Auseinanderdriften.“

Im Zeitvergleich der letzten Jahre zeichnet sich im Alltagsverhalten der deutschen Bevölkerung ein deutlicher Wandel vom Ich zum Wir ab. Die soziale Dimension des eigenen Handelns wird wichtiger. Aktivitäten „für sich allein“ verlieren an Bedeutung. Für das persönliche Wohlfühlen ist das Zusammensein mit Partner (+10 Prozentpunkte) sowie mit Kindern und Familie (+10) bedeutsamer. Dazu gehört auch die Kontaktpflege zu den Nachbarn (+15). Opaschowski: „Die Tendenz ist klar: Weg vom Ego-Kult – hin zum sozialen Wohlergehen in Kommunikation mit anderen. Das Ich braucht das Wir.“ Selbst- und Verantwortungsbewusstsein sind gleichermaßen gefragt. Das Ich verwirklicht sich im Wir und setzt auf die „3 V“: Vertrauen, Verantwortung und Verlässlichkeit.

Die neue Lust auf Familie: Die Familie wird zur verlässlichsten Lebensversicherung
Vertraut und verlässlich in jeder Lebenssituation: Das ist die Familie im 21. Jahrhundert. Diese positive Einschätzung der Bevölkerung scheint kaum mehr steigerbar zu sein. 90 Prozent der Bundesbürger „schwören“ geradezu auf die Familie mit den Worten: „Was auch immer auf uns zukommt. Für mich ist und bleibt die Familie das Wichtigste im Leben.“ Auch die junge Generation der 14- bis 34-Jährigen stimmt mit 86 Prozent Zustimmung auf das Hohelied der Familie ein.

Eine neue Lust auf Familie breitet sich aus. Konsum oder Kind ist keine echte Alternative mehr. 74 Prozent der Bevölkerung lehnen die Aussage „Meine persönlichen Freizeitinteressen sind mir wichtiger als Heiraten und eine Familie gründen“ kategorisch ab. Für sie sind vielmehr „Ehe, Kinder und Familie eine Aufgabe, für die es sich zu leben lohnt“. Familienleben gilt für sie als Synonym für erfülltes Leben. Die Familie ist wieder das Leitbild des Lebens; drei Viertel der Deutschen sehen hierin ihre Lebensaufgabe. Die Begründung dafür lautet: „Für die Familie und die eigenen Kinder zu sorgen, gewährt auf Dauer mehr persönliche Lebenserfüllung, als wenn man immer nur an sich selbst denkt.“ Professor Opaschowski, der Wissenschaftliche Leiter der BAT Stiftung: „Die Familie überlebt offensichtlich alle Krisen und Zeitgeistströmungen. Die Familie und nicht nur die finanzielle Absicherung ist die verlässlichste Lebensversicherung.“

Kommt der „zweite“ demografische Wandel? Gehen Deutschland bald nicht mehr die Kinder aus? Die Renaissance der Familie steht unmittelbar bevor: Ehe, Kinder und Familie sind wieder in. Die Familie gilt nicht länger als Auslaufmodell des 20. Jahrhunderts. In Krisenzeiten verstärkt sich die Suche nach Halt, Heim und Heimat. Die Familie – in welcher Lebensform auch immer – garantiert Ansehen, Sicherheit und Geborgenheit, die kein Prestigeberuf und auch kein Sozialstaat bieten können.

Die Familie von heute und morgen ist nicht mehr nur ein Ort, „wo Kinder sind.“ Im Verständnis einer modernen Familienforschung und einer nachhaltigen Familienpolitik gilt: Die Familie ist eine Gemeinschaft mit starken Bindungen, in der mehrere Generationen füreinander sorgen. Zusammenhalt und Geborgenheit zeichnen die familiäre Lebensqualität aus. Die Generationen ‚in’ der Familie helfen sich ein Leben lang. Besser kann man Vertrauen in die Zukunft nicht zum Ausdruck bringen.

Keine Hilfeleistung ohne Gegenleistung: Unterwegs zur „Gemeinschaft auf Gegenseitigkeit“
Wer sich helfen lässt, muss bereit sein, ein Mindestmaß an Gegenleistung zu erbringen. Helfer wollen sich nicht ausnutzen lassen. Dies gilt auch und gerade für die Inanspruchnahme von staatlichen Sozialleistungen. 83 Prozent der Deutschen erwarten von den Leistungsempfängern, dass sie Gegenleistungen „für die Gesellschaft“ erbringen und „gemeinnützige Aufgaben“ übernehmen. Auch im privaten Bereich setzt sich das Prinzip „Ich helfe dir, damit auch du mir hilfst“ durch. Jeder zweite Bundesbürger (52%: 14- bis 24-Jährige: 58%) ist der Auffassung: „Wenn ich ehrlich bin, helfe ich anderen gerne, erwarte aber auch eine Gegenleistung.“ Das Spektrum für persönliche Gegenleistungen reicht von bloßen Besuchen, vom Zuhören und Miteinander-Reden über das regelmäßige Sich-um-einander-Kümmern bis zur Fürsorge- und Betreuungs-arbeit. Opaschowski: „In Konturen zeichnet sich eine Gemeinschaft auf Gegenseitigkeit ab – ein Solidarsystem im Gleichgewicht von Geben und Nehmen.“

Vielleicht heißt Solidarität in Zukunft einfach nur: mehr Gemeinsamkeit (und weniger Egoismus). Das soziale Optimum wird eine pragmatische Solidarisierung sein. Die Menschen machen die Erfahrung des Aufeinander-Angewiesen-Seins, bei der sich Eigen- und Gemeinnutz miteinander verbinden und weniger eine Frage von Moral oder Nächstenliebe sind. „Das Zeitalter des Ichlings geht zu Ende: Da wird der Solitär zum Solidär. Und das Für-andere-etwas-Tun wird als neuer sozialer Reichtum empfunden“, so Opaschowski, der Autor der neuen Studie. Das ist kalkulierte Hilfsbereitschaft und nicht bloßes Gutmenschentum. Hilfsbereitschaft rechnet sich, ja zahlt sich aus – als soziale Dividende. Das „Ich im Wir“ verbindet und hält die Gesellschaft der Zukunft zusammen.

„Vision Bürgergesellschaft“: Mehr Selbsthilfe und Volksabstimmung

Viele Menschen in Deutschland sind von den wirtschaftlichen und sozialen Versprechen der Politik enttäuscht. Sie verlieren zunehmend das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit von Politikern und Parteien, weil diese nach Meinung der Bevölkerung „mehr am Machterhalt als am Wohl der Bürger interessiert“ (87%) sind. Professor Opaschowski: „Macht macht gierig. Dem Machterhalt wird vieles geopfert – Zeit, Geld, Glück und manchmal auch das Gewissen.“

Die Folgen sind absehbar. Die Glaubwürdigkeitskrise der Politiker droht zur  Vertrauenskrise der Wähler zu werden. Dramatisch zugenommen hat der Anteil der Wähler, der glaubt, dass Politiker „nicht mehr ehrlich“ sind (2002: 50% – 2010: 90%). Vertrauensschwund bedeutet daher auch Legitimationsschwund für die Parteien und den Parteienstaat.

Aus der Sicht der Bevölkerung gibt es nur zwei Lösungsansätze, wie Deutschland aus dem Dilemma von Politikerverdrossenheit und Parteienkrise herauskommen kann: Erstens die Macht zurückverlagern und „viel mehr Volksabstimmungen“ (78%) durchführen. Und zweitens „sich selbst mehr helfen und nicht alle Probleme einfach dem Staat überlassen (62%). Mehr Volksentscheide und mehr Selbsthilfe: Das ist die konkrete Antwort der Bevölkerung auf die  Krise der Demokratie.

Mehr informell als institutionell: Soziales Engagement als Zukunftspotential
Das Zeitalter der Egoisten geht zu Ende, die „Anspruchsgesellschaft“ auch. Das Selbsthilfeprinzip bürgert sich wieder ein: „Hilf dir selbst, bevor der Staat dir hilft.“ Und meistere dein Leben aus eigener Kraft! Notstands- (nicht Wohlstands-) Denken zwingt zum Selbsthilfe-Handeln, weil der Sozialstaat „schwächelt“. Was der Wohlstandsstaat den Bürgern in den letzten drei Jahrzehnten Zug um Zug an Verantwortung abgenommen hat, müssen sich die Bürger jetzt – wollen sie nicht scheitern – wieder zurückholen.

Bei der staatlichen Förderung sozialen Engagements muss umgedacht werden: Die persönliche Hilfeleistung durch „informelles“ Engagement ist nachweislich um ein Vielfaches höher als die freiwillige Mitarbeit durch „institutionelles“ Engagement.

Nur jeder sechste Bundesbürger (17%) engagiert sich in der Vereinsarbeit, dreimal so hoch (55%) ist hingegen der Anteil der Bevölkerung, der persönliche Hilfe bei Freunden leistet.

Jeder Dritte (33%) engagiert sich heute schon in der Nachbarschaftshilfe, während das freiwillige Engagement in Kirche und Gemeinde (7%) sowie in Partei und Gewerkschaft (2%) eher ein Schattendasein führt.

Institutionelle Hilfeleistungen haben im Alltagsleben der Bevölkerung eine viel geringere Bedeutung als die spontane Hilfe vor der Haustür oder um die Ecke. Opaschowski: „Viele institutionelle Engagements sind mit Verpflichtungen oder gar Gruppenzwang verbunden. Und auf ‚Lückenbüßer‘-, ‚Handlanger‘- oder ‚Notnagel‘- Dienste lassen sich immer weniger ein.“ In der Nachbarschaftshilfe setzen sich die Bürger ihre Sinnorientierungen selber. Sie belohnen sich selbst. Es macht ihnen Freude, anderen helfen zu können. Die Zivil- und Bürgergesellschaft funktioniert.
Fazit: „Die Starken sind WIR!“

Aus dem Wertewandel seit den siebziger Jahren wird ein ‚Wandel des Wertewandels’, der vor allem von der jungen Generation gelebt wird. Ihr gelingt die Wertesynthese: Ich-bezogene Selbstverwirklichungswerte aus den Wohlstandszeiten der siebziger bis neunziger Jahre werden jetzt wieder mehr mit wir-bezogenen Sozialwerten verbunden, wie sie schon nimmer in ökonomischen Not- und Nachkriegszeiten dominierten. Ein Leben nach Maß – im Gleichgewicht des Gebens und Nehmens – zeichnet sich ab. Der materielle Wohlstand mag sinken, die Mittelschicht schrumpfen und die Gesellschaft altern: Die nachwachsende Generation strebt ein gewandeltes Wertekonzept an, das Anspruchshaltung zunehmend durch Eigenleistung und Gegenleistung ersetzt. Die Zukunft macht Hoffnung. Von der neuen Gemeinschaft auf Gegenseitigkeit profitieren alle. So gesehen ist Gemeinsinn auch Eigensinn. Denn wer Gemeinsinn lebt und Bürgersinn pflegt, beschenkt am Ende sich selbst.

Stehen wir am Beginn eines neuen Zeitalters? Haben Struktur-, Werte- und demografischer Wandel eine grundlegende Veränderung unserer Lebensziele und Lebensstile zur Folge? Die Zukunftstendenz ist klar: Der Familiensinn wächst. Gemeinsinn bürgert sich wieder ein. Und die Erkenntnis setzt sich durch:
„Die Starken sind WIR!“

Die neue Wertestudie der Stiftung für Zukunftsfragen ist ab sofort als Buch im Buchhandel erhältlich:
HORST W. OPASCHOWSKI
„WIR! Warum Ichlinge keine Zukunft mehr haben“

Audiobook
Murmann Verlag
220 Seiten, 19,90 Euro

www.stiftungfuerzukunftsfragen.de

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Nachhaltigkeit + die Entdeckung Trojanischer Pferde…

Populäre Projektionen dessen, wie eine Bewusstseinsveränderung aussehen wird, sind in den meisten Fällen nur eine Neugestaltung der „alten Denkschablonen „. Eine größere, bessere Box, in der das Paradigma aufgewertet wird, das die Bedingungen verbessert, unter denen wir unsere Sucht auf eine „grüne“ Art und Weise genießen können.

So wichtig wie das ökologische Bewusstsein ist, es ist nicht genug. Das neue Paradigma kann nicht aus der intellektuellen Abstraktion einer dualistischen Interpretation einer „besseren Welt“ verwirklicht werden, die auf der Infrastruktur der existierenden Varianten-Matrix aufbaut, die dieses Paradigma erzeugt.

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